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Sagt den Kindern nicht, dass sie falsch sind

Als ich ankam, sprach ich kein Wort Deutsch. Aber in der Schule gehörte ich dazu. Werteunterricht für Flüchtlingskinder, wie die Union vorschlägt, würde das verhindern.

© Andreas Rentz / Getty Images

Die Farbe, die ich mir gemerkt habe, war bunt. Alles schien bunt, die Schulranzen glänzten, die T-Shirts der anderen Kinder, die Brotdosen, die sie – wir sprechen hier von Schwaben – Vesperdosen nannten, die Fahrradhelme – wir sprechen hier vom Anfang der Neunzigerjahre – in zwei Farben: Neonpink. Und Neongrün. Ich kam mir farblos vor, obwohl man mich in ein rotes T-Shirt gekleidet hatte, vielleicht lag es an der Farblosigkeit, die ich mitgebracht hatte: Die Erinnerung an den grauen Beton dessen, was ich als Schule und Zuhause kannte, braune Kleider mit schwarzen Schürzen, die wir als Schuluniform trugen, tauender, ergrauter Schnee, die Pfützen aus Matsch, in die wir hüpften oder die wir zu umgehen versuchten, die Uniformität des Alltags. Ich hatte Russland hinter mir gelassen, wobei das Hinter-mir-Lassen ein passives Verhältnis war: Man hatte mir gesagt, dass wir ausreisen würden; man hatte Deutschland gesagt; man hatte mich in den Nachtzug gesteckt, den nach Berlin, und später in diese Schule; man hatte auch gesagt, wir müssten den Hund zu Hause lassen, und dass das für Freunde und Verwandtschaft galt, da kam ich selbst drauf.

Der Schulhof, der deutsche, also bunt. Ich wackelte ins Klassenzimmer hinein, der Lehrer sprach Schwäbisch. Es hätte auch Hochdeutsch sein können, Chinesisch. Sachkundeunterricht hätte Deutsch sein können und Heimatkunde auch eine Märchenstunde (von mir aus auch Werteunterricht), ich verstand nichts. Ich lief den anderen hinterher, deren Namen alle gleich klangen, alles klang gleich oder flimmerte zu sehr, ich lernte die Sprache in Worten: Heft. Pause. Dann kam lange Zeit nichts, und später kam „meinetwegen“, ein Wort, um dessen Bedeutung – war es ein Ja?, ein Nein?, ein Vielleicht? – nicht wusste, aber dessen Klang ich genoss: So ein langes Wort (das ich aussprechen konnte!), um etwas zu bejahen oder eben zu verneinen, ein schönes, deutsches Wort.

Das Gefühl, nicht falsch zu sein

Meine Mutter, bei der ich mich – das fällt mir erst jetzt beim Schreiben auf – nie dafür bedankt habe, hatte mit der Schulleitung gestritten und dafür gekämpft, dass ich sogleich in eine normale Klasse komme, dieses elfjährige Kind, das zurückgestuft und aufgrund nicht vorhandener Deutschkenntnisse in die Grundschule geschickt wurde anstatt in das, was man damals, politisch unkorrekt, wie man aus heutiger Sicht noch war, „Ausländerklasse“ nannte. Ich verstand nichts, auch nicht, warum meine russischen Freunde, mit denen ich morgens das Asylantenwohnheim, in dem wir alle lebten, verließ, alle in eine Klasse gehen durften, das Privileg hatten, nebeneinandersitzen und über russische Witze lachen zu dürfen, warum man nur von mir verlangte zu verstehen, was evangelischer und was katholischer Religionsunterricht war, wo ich doch Religion aus der glaubensfreien Sowjetunion gar nicht kannte.

Ich sagte nichts, weil meine Eltern sich auch vorsichtig umblickten, sobald wir das Wohnheimgelände verließen, weil ich ihnen zusehen musste, wie sie um Selbstwertgefühl und gegen Zweifel und Ängste kämpften, weil wir alle etwas verloren hatten, vielleicht in erster Linie ein Stück Würde oder uns selbst. Später, als die deutschen Worte sich zu kurzen Sätzen zusammenstellen ließen und ich bereits wusste, was eine Leggings war, schien es peinlich, wenn mich die russischen Freunde auf dem Pausenhof suchten; ich dachte fälschlicherweise, dass ich etwas Besseres war, weil ich in eine normale Klasse durfte, weil ich mit deutschen Kindern zu spielen versuchte, von denen ich noch nicht verstand, dass sie zum Teil aus Italien, der Türkei oder den ehemals jugoslawischen Staaten kamen, vielleicht konnte ich auch noch nicht in Worte fassen, was das eigentliche Gefühl war: Die Hoffnung, wieder irgendwo hinzugehören. Nicht mehr falsch zu sein, man sagt Gemeinschaftsgefühl dazu, oder – verbrauchterweise – Integration.

Ich weiß nicht, vielleicht – das fällt mir erst jetzt beim Schreiben auf – ist dieses fehlende – vermeintliche – Privileg, das ich nicht genoss, die Sicherheit, neben meinen russischen Freunden zu sitzen, ein Grund dafür, warum ich nun hier in vielen Worten, die ich in Sätze anordne, die beim Anordnen mir und meinen Regeln gehorchen, aufschreiben darf, warum ich es für eine solch lebensfremde, abstruse, menschenfeindliche und auch jedem gemeinschaftlichen Zukunftsgedanken widersprechende Idee finde, geflüchtete Kinder in einen Werteunterricht zu stecken, bevor sie eine normale Klasse besuchen dürfen; „normal“ als plötzlicher Ausdruck von wünschenswerter Angleichung.

Der Vorschlag der Unionsparteien, geflüchtete Kinder erst einmal in einen Sprach- und Werteunterricht zu stecken, untergräbt bereits wichtige, in unserem Grundgesetz festgehaltene Werte an sich: dass Menschen vor dem Gesetz gleich sind und gleichberechtigt behandelt werden sollen. Mit anderen Worten: Was für einen Grund gibt es, Kinder auszusortieren, ihnen, die noch keine Begründungen begreifen können, vorzuleben, dass sie anders sind? Dass sie nicht dürfen, dass sie noch nicht passen, dass sie erst passend gemacht werden müssen, bevor sie das tun dürfen, was ihr entscheidender Vorteil bei dieser sogenannten Integration gegenüber ihren Eltern ist: einfach nur mit anderen Kindern zu sein. Bälle zu kicken, zu rennen, zu springen, zu spielen, all das zu tun, wozu man keine oder wenige oder Fantasieworte braucht, all das zu tun, was eine Gemeinschaft, gemeinsame Erinnerungen, Interessen schafft.

Was sollen das für Werte sein?

Was macht es mit Kindern – die aufgrund ihrer Flucht nun wahrlich genug Leid und Traumata erlitten haben – wenn ihre erste Erfahrung im neuen Land die der Segregation ist, das Gefühl, anders zu sein, und unter Gleiche gesellt zu werden, um dann gemeinsam anders zu sein? Und dann in einer Sprache, die sie sich erst erobern müssen, Wort für Wort, Ball, dann Fußball, dann Torwart, zu hören, dass genau das falsch ist: dass sie sich unter Gleiche gesellen. Dass sie sich mischen sollen mit den anderen, mit den Kindern, von denen sie getrennt werden in Schulen und Klassen und in den Pausen. Dass sie sich mischen sollen, wenn sie gut genug dafür sind, wenn sie genug gelernt haben, was angeblich die anderen sind. Und was lebt man damit den anderen Kindern vor, die das zweifelhafte Privileg haben, normal zu sein, wenn sie sehen, dass die Kinder, die später ihre Schulkameraden, Freunde, Kollegen, Partner sein sollen, erst einmal aussortiert werden? Wir machen die Andersartigkeit sichtbar, wir machen sie zu einer Krankheit, die ausgelöscht gehört. Wir töten jeden Gedanken des Kennenlernens ab.

Und die Werte, die in diesem Werteunterricht gelehrt werden sollen: Was sollen das für Werte sein? Was sind unsere gemeinsamen Werte, auf die wir uns geeinigt haben sollen, oder müssen wir das nicht haben, weil es da draußen (in der CDU/CSU) Leitwölfe gibt, die sie uns vorschreiben, diese vermaledeite Leitkultur, eine Kultur, die leiten soll, ein Widerspruch in sich. Was sind das für Werte, auf die Herr Söder und ich uns zum Beispiel einigen sollten? Ich weiß nicht, ich glaube, das wäre schwierig, er und ich und so eine Liste. Und wenn mir jetzt Polemik vorgeworfen wird und die ganz großen Worte, Grundrechte und Verfassung und all das?

Als wäre jedes Kind, das die normale – ach, dieses Adjektiv schon wieder, die Ausgeburt von Wertung an sich! – Klasse besuchen darf, auf Meinungs- und Glaubensfreiheit gedrillt worden, als wären sie von Eltern und Kindergärtnerinen und Kindergärtnerinnen und Lehrern und Lehrerinnen zu Fackelträgern der Verfassung erzogen worden. Als bestünde die Kinderwelt nicht aus den Stolpersteinen dieser besagten Werte: Kinder, die andere – aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Anschauung (und sei es zum Thema Eiskönigin, Ninjago oder Fußballverein) – ausgrenzen, Kinder, die lernen müssen, Entscheidungen in demokratischen Prozessen, in einer Gemeinsamkeit zu treffen, die eigene Meinung zu äußern, auch wenn sie anderen widerspricht, diese anderen stehen lassen zu können. Diese großen demokratischen Werte, damit sie keine angelernten Worthülsen bleiben, müssen in einer Gemeinschaft, müssen von allen Kindern – eben unabhängig von Herkunft und Religion – gelernt werden; nicht in abgeschlossenen Klassenräumen mit alter Kreide an Tafeln in Druckbuchstaben, sondern im Ausprobieren eines gemeinsamen Lebens.

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78 Kommentare

  1.   Spencer2

    Ich hatte vorher eine andere Meinung zu dem Thema, aber die Argumentation überzeugt mich. Jetzt lehne ich einen getrennten Werteunterricht auch ab.

  2.   Groschenkind

    Der Werteunterricht den man mit Ethikunterricht verbinden kann sollte für alle! Kinder jedweder Herkunft stattfinden und verbindlich sein.

    Es sind ja nicht nur zugewanderte Kinder sondern auch hiesige, die teils von ihrem Elternhaus, sagen wir mal, nicht optimal geprägt sind.

    Traurig allerdings ist, daß die Autorin nicht weiß was unsere Werte hier in Deutschland/Europa sind. Diese stets in Frage zu stellen schafft auch keinen Zusammenhalt.

    Hoffentlich weiß sie wenigstens, was nicht unseren Werten entspricht, das ist ja auch schon einmal etwas. 🙂

  3.   Right To Arm Bears

    „Lena Gorelik, 1981 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland.“

    Welche Werte lebte denn Frau Goerelik bzw, Ihre Familie, bevor sie nach D kam? Teil-Verschleierung? Lief die Mutter hinter dem Vater her? Wurde sie mit 11 Jahren entsprechend gekleidet, um spaeter besser verheiratbar zu sein? Wenn es keine ‚falschen Werte‘ gaebe, koennte man auch nicht staendig die ‚westlichen Werte‘ fuer Alles und Jedes heranziehen. Die Panik, die die Autorin und alle anderen vor der ‚Wertediskussion‘ haben, besteht wahrscheinlich darin, verbindlich die gueltigen Werte zu bennenen – und nicht irgendeine Verfassung und die Menschenrechte zu zitieren – denn die regeln im taeglichen Miteinander genau nix. Diese Regeln, diese Werte sollen ja nun taeglich, teils unter Schmerzen, neu ausgehandelt werden. Leider wird die Autorin nicht konkret, das verwundert allerdings nicht (mehr)…

  4.   A higher order of being.

    „Sagt den Kindern nicht, dass sie falsch sind“

    Nicht die Kinder sind falsch, sondern deren kulturelle Verhaltensweisen, Bräuche und Werte. Wer hier leben möchte, muss sich anpassen.

    Oder soll man neuerdings dem Kanibalenkind sagen ala.. „Klasse Peter, mach weiter so, den Paskal anknabbern ist völlig in Ordnung“

  5.   chrisbo18

    Moment, Moment!
    Ich finde den Gedanken des Werteunterrichts überhaupt nicht schlecht und sollte als Unterrichtsfach umgehend eingeführt werden.
    Aber für ALLE Schüler!
    Wenn ich mich so umschaue, sind es gerade die Werte, die unserer Gesellschaft immer mehr abhanden kommen und hier bei den jüngsten zu beginnen wäre sinnvoll und bestimmt auch lohnend!
    Hauptsache sollte jedoch sein, dass ein Söder kein Mitspracherecht beim Lehrstoff erhält!

  6.   atech

    Was sollen das für gemeinsame Werte sein, die die Kinder lernen sollen?

    Die Menschenrechte, die in unserem Grundgesetz verankert sind.

    Dass alle Menschen die gleiche Rechte haben. Männer wie Frauen.
    Unabhängig von der Hautfarbe, der Religion, der sexuellen Orientierung, unabhängig von allen Eigenschaften, in denen sich Menschen unterscheiden können.
    Dass auch Kinder Rechte haben.

    Was ist an der Idee verkehrt?

  7.   blackboxy

    „Der Vorschlag der Unionsparteien, geflüchtete Kinder erst einmal in einen Sprach- und Werteunterricht zu stecken, untergräbt bereits wichtige, in unserem Grundgesetz festgehaltene Werte an sich: dass Menschen vor dem Gesetz gleich sind und gleichberechtigt behandelt werden sollen.“

    Gleiches muss gleich behandelt werden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr sagt das Gesetz. Nach der hier gegebenen – leider mittlerweile sehr beliebten – Vulgärauslegung des Rechts dürfte es z.B. gar keine Asylverfahren geben und auch keine Integrationskurse. Außer alle Deutschen würden sie auch durchlaufen. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

  8.   Abhub und Kehrricht

    Ihr Vergleich passt leider nicht, sie kamen aus einem Land mit vielen Jahrhunderten gleicher Kultur, vergleichbare oder keine Religion. Einem zeitsprung von vielleicht 40 jahren konsumfortschritt mit bunten Ranzen.

    Millionen Flüchtlinge aus grundverschiedener Kultur mit einem Frauenbild das Deutschland vor 500 Jahren hatte ist was Ganz anderes.

  9.   Ilmo

    Es ist eine Sache, ob damals, Anfang der 90er, mal ein Kind ohne Vorkenntnisse in eine „normale“ Klasse kam. Es ist eine ganz andere Sache, wenn sagen wir 5-10 Kinder mit etwas andere Wertvorstellungen zusammen eine komplette Klasse aufmischen.
    Was mich allerdings ein wenig gewundert hat, sie war irgendwo aus Russland, die Familie entschied sich auszuwandern und landete in einem Asylantenheim? Es scheint wohl schon damals bei der Unterbringung einiges durcheinandergeraten zu sein.

  10.   EidTiez

    „Wertekunde“ bedeutet vor allem: Ihr habt keine Werte!
    Regelkunde für die Eltern wäre vollkommen ausreichend und nicht diskriminbierend.

 

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