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Der bayerische Mensch an und für sich

Der Bayer dümpelt satt und selbstgefällig in seiner Lederhose vor sich hin und lässt den Herrgott einen guten Mann sein. Das Weltgeschehen ist ihm wumpe. Eh klar, gell?

Bayern - Der bayerische Mensch an und für sich
© Philipp Guelland / Getty Images

Bayern ist lustig. Von außen gesehen, in den Augen vieler Nichtbayern. Der Bayer – und daran hat sich seit Menschengedenken in der Vorstellung einschlägiger Bayernbeobachter nichts geändert – haut sich morgens auf die Schenkel, um wach zu werden; zum Frühstück genehmigt er sich ein Weizenbier; den Rest des Tages verbringt er entweder in einer Lederhose in einem Kuhstall oder in einem Anzug bei BMW oder, als Bayerin, mit Shoppen auf der Maximilianstraße. Diese Straße ist benannt nach … Egal.

Der königlich-bayerische Bayer jedenfalls hat die Ruhe weg; er dümpelt, wohlhabend, satt und selbstgefällig, vor sich hin und lässt den Herrgott einen guten Mann sein.

Apropos Herrgott: Der hängt, in Gestalt des gekreuzigten Jesus, in jedem Winkel eines jeden Hauses in Bayern, sei es ein Kaufhaus, ein Mietshaus, ein Baumhaus, ein Bauernhaus, ein Möbelhaus, ein Klohaus. Da hängt er, der INRI, wie wir Dimpfl sagen, und blickt leidend auf uns herab. Er macht da keinen Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten und – da schau her! – munter ins jeweilige Haus schneienden Muslimen. Macht er nicht, der INRI, ganz sicher, ich weiß das. Ich wurde vor diversen Jahrzehnten in diesem Bayern geboren und getauft und lebe immer noch hier, in einem einzigen Zimmer zwar, aber in der Landeshauptstadt. Und der INRI, der geschundene Sohn Gottes, leidet gar nicht so, wie es für Auswärtige scheinen mag, er hat einfach ein Auge auf uns alle. Wir sind Bayern, was soll er machen, er hat sich den Winkel seines Kreuzes nicht ausgesucht. Vielleicht würde er lieber in der Lüneburger Heide oder auf Sylt hängen, Blick ins ewig Grüne oder bis zum Horizont, unter lauter Bescheidwissern, und nicht ständig hin- und hergeschoben, wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur in einem undurchschaubaren Spiel.

So sind die Bayern halt, können sich für nichts entscheiden, Hauptsache, sie haben ihre Ruhe. Nicht wahr? Und wenn sie dann doch einmal aus der Ruhe heraustreten, den Herrgott tatsächlich einen guten Mann sein lassen und sich zu Zehntausenden verbünden und verbunten, sichtbar für ganz Deutschland und vor allem die eigene Regierung – was passiert dann?

Die Wirklichkeit hat keine Hautfarbe

Elf Minuten verwundertes Augenreiben außerhalb der Landesgrenzen; dann wieder das Übliche. Alles Folklore, hört man die Bayernversteher rufen, die da unten im Süden hätten eben gern Umzüge, das kenne man von Fronleichnam und anderen katholischen Jubelfeiern. Wenn der Bayer auf die Straße geht, protestiert er nicht, er führt seine Lederne spazieren, er zeigt seine Wadln und sein edles Gewand und, ganz wichtig: er huldigt sich selber. Im schwarzen Bayern – das scheint echt jeder jenseits der Weißwurstgrenze zu wissen – wirft der Bayer sogar in tiefer Nacht einen Schatten. Den betrachtet er lange und staunend wie einen Blutmond; er wird ganz still dabei, der bayerische Mensch, er hält Andacht und dankt dem Allmächtigen für sein Dasein auf der Vorstufe zum Paradies.

Vorstufe zum Paradies? Vergessen, wer diesen Ausspruch einst tätigte.

Fest steht: Wer nach Bayern schaut, sieht ein Abziehbild dessen, was er immer schon ahnte, und das muss genügen. Muss es nicht! Denn vielleicht – Beispiel die Demonstration mit dreißigtausend Teilnehmern unter dem Motto „Gemeinsam gegen die Politik der Angst“ – nimmt der bayerische Mensch, Mann wie Frau wie Kind, das Weltgeschehen stärker wahr als andere. Weil er keineswegs träge im eigenen Saft schmort, sondern äußerst wachsam bleibt. Weil er der Idylle nicht traut und die Vorgänge hinterm Elektrozaun der Kuhwiesen genauestens verfolgt. Weil er begriffen hat, dass die Wirklichkeit keine Hautfarbe hat, sondern aus einer Membran besteht, für deren schützende Funktion sich jeder aufrechte Bürger verantwortlich zeichnet, bis runter in den Chiemgau.

Vielleicht gelangt der bayerische Mensch gerade aus der Beschaulichkeit heraus und wegen der ständigen Bevormundung durch seine sogenannten Staatsdiener zu der einen oder anderen Erkenntnis. So mögen ihm in einer verwirrenden, zunehmend komplexer werdenden, für keine Schwarz-Weiß-Lösungen geeigneten Zeit die unaufhörlich öffentlich stattfindenden Diskussionsforen verwirren und abstoßen; durchschaut er sie doch als das, was sie sind: ein als Pseudoaufklärung getarnter Populismuskrawall – im Fernsehen ebenso wie in anderen Medien.

Das Heimatministerium ist sein Gewissen

Ja, der Bayer ist schon komisch, die Bayerin übrigens auch. Gerade die ältere Bayerin zeigte in den vergangenen Wochen und Monaten auf vielfältige Weise ihr Gesicht, fest entschlossen, Leuten, die einer gewählten Bundesregierung eine „Herrschaft des Unrechts“ unterstellen, die Meinung zu geigen, laut und deutlich.

Herrschaft des Unrechts? Vergessen, wer das einst behauptete.

Glaubt es, ihr da draußen, weit im Norden, Osten und Westen, oder glaubt es nicht: Das Heimatministerium des bayerischen Menschen ist sein Gewissen. Und er verspürt nicht die geringste Angst, es zu zeigen, eingedenk des zweiten Absatzes, Artikel 1 des Grundgesetzes: „Das deutsche Volk bekennt sich zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Zum Schluss noch ein Gedicht.

 

TAGGEDANKEN

Denk ich an Deutschland Tag um Tag,

fällt mir mein Vater ein, der Deutscher war,

obwohl sein Land am Euphrat lag.

Er lernte tausend Wörter Jahr für Jahr.

 

Denk ich an ihn, dann auch an sie,

an meine Mutter, jenes Flüchtlingskind,

das ach so jung ihr Herz verlieh.

Er blieb ihr treu, wie Ehrenmänner sind.

 

In mancher Nacht rief ihn die Pflicht,

er eilte zu den Kranken tief im Wald,

ein Feierabend zählte nicht,

kein Frost, kein Winter, der sich an ihn krallt.

 

Er ging, wo immer einer schrie

vor Schmerz, vor Angst, aus Lebensüberdruss.

Die Zuversicht verließ ihn nie,

nicht, als er ahnte, dass er gehen muss.

 

Mein Vater starb um zwei Uhr früh.

Er hoffte noch, und Ostern war nicht weit.

Befreit von aller Last und Müh,

ging er erlöst in seine eigne Zeit.

 

Was ich erzähle, heut und hier,

ist alt, ein altes Lied aus einem Land,

das einmal Mensch war, einmal Tier,

das unterging und wieder auferstand.

 

Nach Ankunft ist ein jeder fremd,

im ersten Augenblick in Mutters Arm.

Am Anfang sind wir ungekämmt

und nackt und jemand Fremdes hält uns warm.

 

So einfach geht das alles los,

in diesem Deutschland wie im Rest der Welt.

Erst später ist das Staunen groß,

wenn einer Mörder wird, ein andrer Held.

 

Wer zu uns kommt, vom Tod gejagt,

wer unser Land umarmt aus purer Not,

wer nach dem Weg im Dunkeln fragt,

dem beizustehn, ist menschliches Gebot.

 

Und einer wird ein Vater werden

wie meiner damals, und aus Liebe bleiben.

Sein Dasein wird Geschichte schreiben

im Herzen von uns allen hier auf Erden.

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22 Kommentare

  1.   Aufgeschwollenes Wurstgesicht

    Mann, dieses wir sind alle supidupi MultiKulti, auch die Bayern, ein Artikel nach dem anderen grenzt langsam am politischen Aktivismus.

    Sehen wir mal was die AfD auf den Dörfern zusammen mit CSU und FDP holt an Konservativen Spektrum.

  2.   Aleppiner

    Bayern sind nicht Bayern.

    Für die Norddeutschen hier, Bayern besteht aus den 4 Stämmen Franken, Bayern, Schwaben & Oberpfälzer.

    Das mag vllt. furchtbar provinziell klingen, aber das hat „bei uns“ doch viel Bedeutung, ob man als Franke oder Bayer bezeichnet wird.

    Zum eigentlichen Anliegen des Textes:

    Ja wir im Bundesland Bayern sind furchtbar konservativ, schätzen noch den Wert der Arbeit und liegen dem Staat nicht auf der Tasche, um Mal die Vorurteile dieses Textes zu bestätigen. Irgendeiner muss ja den Landeshaushalt der Party Stadt Berlin stemmen, der nach wie vor mit 25% durch den Länderfinanzausgleich gestellt wird.

  3.   M. Bauer

    Danke für diesen Artikel! Er hat mir sehr gut gefallen.

    Es stimmt: Der Rest Deutschlands findet Bayern vor allem lustig in seinen
    Eigenheiten. Und es ist sicher was dran, auch wenn wir Bayern NICHT alle
    Lederhosen tragen und Weißbier zum Frühstück trinken :-). Irgendwie
    wirken die Bayern nicht so rasend politisch interessiert. Das täuscht.

    Ich denke ,nicht alle, aber ein nicht zu unterschätzender Teil der Bayern beobachtet sehr genau, was politisch so gerade abgeht, aufgeführt und inszeniert wird um des Machterhalts willen.

    Ja, die CSU regiert wirtschaftlich gut. Die Wirtschaftsleistung ist super. Das Bildungssystem ist hart, aber effektiv. Aber was die gesellschaftliche Entwicklung angeht, hängt sie Jahrzehnte hinterher. Herdprämie, Hilfe!
    Die 1950 er lassen grüßen. O mei. Und momentan herrscht Schockzustand wegen der AfD. Die Angst vor dem Machtverlust treibt Blüten, unvorstellbar.
    „Asyltourismus“? Ernsthaft? Da haben einige jedes Maß verloren und wer weiß,
    ob sich der bayerische Wähler rechtzeitig durch plötzliche Wohlfühlpolitik wieder einlullen lässt.

    Ich hoffe nicht. Die 30 000 bei der Demo sind ein klares Signal. Nicht umsonst
    plakatierte die CSU gegen die Demo an. Gegen freie Meinungsäußerung. O mei.

    Ich bin zuversichtlich. Die Bayern werden die Kurve kriegen :-). Nicht alle. Aber der Großteil.

  4.   Flx

    Der Bayer hat eben was, was der Rest von Deutschland auch gern hätte: eine kulturelle Identität, der man frei und zwanglos frönen kann. Da darf man ihn auch ruhig drum beneiden.

  5.   Der Münchner

    So ein Quardieser Text haha
    Der Bayer ist konserativ und patriotisch und als geborener Münchner muss man schon sehr verblendet sein, um von der kleinen Demo auf dem Goetheplatz auf die allgemeine Stimmung in Bayern zu schließen.

  6.   Regnitztal

    Ach, was für ein schönes Gedicht! Da sage ich als Bayer (naja, Franke) danke.

  7.   FloMei

    Es ist gut auf das „andere Bayern“ hinzuweisen, dass von außen oft übersehen wird. Allerdings ist München für Bayern nicht repräsentativ, da Bayern ein Flächenland ist. Die meisten leben am Dorf oder in Kleinstädten und Bayern ist nach wie vor mehrheitlich ganz eindeutig nicht links. Außerdem wird hier die typische Dualität einmal mehr bestätigt: Für oder gegen die Bundesregierung, für oder gegen die CSU, für oder gegen das Grundgesetz. Wo bleibt das „weder noch“ oder das „sowohl als auch“. Darf man anmerken, dass die Bundesregierung sich von der CSU eben nicht losgesagt hat? Kann man sowohl die Regierung Merkel als auch die der CSU ziemlich unterirdisch finden? Frei von Volksverdummung, Diskussionsverweigerung und Pseudolösungsansätzen sind beide nicht. Kann man Hetzreden ablehnen und sich trotzdem ob mancher jüngsten Entwicklung Sorgen um die Zukunft des Landes machen?

  8.   Leonia Bavariensis

    Danke!

  9.   Auswanderin

    Immer noch der Beste, der Herr Ani…
    vielen Dank

  10.   r.schewietzek

    Ich vermisse in obiger Beschreibung des Bayern den bayrischen Dackel. Ist der aus der Mode gekommen?

 

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