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Ich wühle um mein Leben

Telefon? Lippenstift? Hilfe! Das halbe Leben verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Fragen Sie nicht, was passiert, wenn im Urlaub noch die Koffer dazukommen.

Agustina San Martin/EyeEm

Die Hälfte meines Lebens verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Mal ist der Hausschlüssel verschwunden, dann suche ich in den Tiefen meiner Tasche meinen Lieblingslippenstift. Der Boden meiner Handtasche scheint in solchen Momenten an Tiefe zu gewinnen, er wird gleichsam uferlos, ein sich ausdehnender Kosmos, und ich wühle und wühle um mein Leben, aber die geliebten Gegenstände bleiben verschollen.

Auch in den Seitentaschen, wo Kaugummis, Taschentücher auf ihren Gebrauch warten: nichts. Die Sachen sind weg. Ein für alle Mal. Tränen schießen mir in die Augen, das Leben ist gemein und ungerecht …

Meistens findet sich dann doch alles, aber eben nicht immer, und dieser Moment der Panik: Was wird wiedergefunden werden? Was für immer verloren sein? Dieser Moment des gnadenlosen Unglücks ist fürchterlich.

Kurz vor den Ferien ist es besonders schlimm, weil zu der Handtasche die Koffer dazukommen. Habe ich das Sonnenöl, den Reiseführer und die leichten Sandalen eingepackt? Ich habe bestimmt die Magnesium-forte-Tabletten vergessen! Das neue Buch? Zwei Wochen ohne Lektüre und ich gebe mir die Kugel! Dort, wo wir untergebracht sind, gibt es weit und breit keine Buchhandlung und schon gar keine Bücher auf Deutsch … Kaum ist der Koffer zu, wird er wieder aufgemacht. Die schön gefaltete Kleidung wird durcheinandergebracht, bis das Sonnenöl, der Reiseführer und die leichten Sandalen wiederauftauchen. Das Buch liegt entspannt neben den Magnesiumtabletten. Natürlich. Alles da, alles an seinem Platz, abreisebereit.

Meine Hysterie überfällt die ganze Familie. Habt ihr auch alles eingepackt? Alle Ladegräte? Adapter? Ich kaufe nicht wieder ein neues Set an Adaptern für die USA, für Italien oder Großbritannien. Kümmert euch selbst drum!

Am Tag der Abreise sind dann wirklich alle ferienreif …

Meine Söhne hassen diesen meinen Zustand und noch mehr meine Handtaschen. Denn die Ferienzeit ist endlich, das Leben mit meiner Handtasche aber nicht …

Sie werden nervös, wenn ich beginne zu kramen, immer schneller und heftiger zu wühlen, um dann gänzlich in der Handtasche zu verschwinden.

„Mein Ausweis ist weg, ich kann ihn nicht finden! Eben war er noch da! So kann ich unmöglich das Haus verlassen. Und schon gar nicht ins Ausland fahren. Wir müssen hierbleiben, sagt schon mal den Flug ab! Ich bin staatenlos, ich werde festgenommen werden! Es gibt mich nicht mehr. Ich bin praktisch schon tot!“

Meine Söhne drehen sich weg, sie behaupten, mich nicht zu kennen.

„Oh. Halt. Stopp. Da ist er ja. Er war im anderen Fach. Ich habe ihn nicht dahingetan, ich schwöre. War jemand an meiner Tasche? Bestellt ruhig das Taxi, wir können los. Und warum schaut ihr so?“

So oder so ähnlich sind die Szenarien. Beliebig möglich mit den Portemonnaies oder der schönen neuen Sonnenbrille.

Was für eine Art schwarzer Magie oder hinterhältiger Anziehungskraft üben Taschen und Koffer auf geliebte Gegenstände aus? Und warum immer kurz vor Reiseantritt, wenn das Taxi vor der Haustüre wartet oder wenn die Verabredung schon drei Mal geklingelt hat? Warum verschwinden dann gerade Hausschlüssel, Lippenstifte und Mobiltelefone?

Meine Söhne verdrehen die Augen, wenn sie nur meine Handtasche sehen.

Sie können dieses enge Verhältnis nicht verstehen. Begreifen nicht, dass meine Handtasche mein Leben ist. Sie ist mein Paralleluniversum, und in ihr ist alles, aber auch wirklich alles, was ich je im Leben gebraucht habe oder brauchen könnte.

Es spielt ja auch keine Rolle, ob es die kleine Pochette ist oder der Rucksack.

Pflaster, Schweizer Messer, Tampons, Lippenpflege, Touche Éclat, Handy …

Ich könnte ewig weiter aufzählen: Kopfhörer, Handschuhe, Bonbons, der Reparaturzettel vom Änderungsschneider.

Die Bewohner meiner Handtasche haben schon überlebenswichtige Dienste geleistet, gerade auch gegenüber meinen Söhnen.

Dass sie das nicht begreifen, ist arrogant und herzlos.

Ich kann auf vieles verzichten. Aber nicht auf Espresso und meine Handtasche.

Ab jetzt werde ich mich weigern, ihre Handys, Fahrausweise, Geldbörsen zu tragen. Sollen sie sich doch selbst Taschen zulegen, um zu begreifen, was für eine innige Symbiose man mit seiner Handtasche entwickeln kann. Eine tiefe, innige Beziehung, die es so unter Menschen nie geben kann.

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20 Kommentare

  1.   Rudi_57

    Klasse!
    Jetzt muß ich armer Tropf aber das Ganze für meine geliebte Partnerin ins
    Französische übersetzen. :)))

  2.   Frau Funke

    Einfach herrlich…großes Amüsement.

    Ich liebe auch Handtaschen – müssen immer groß sein. Allerdings mit ganz vielen nützlichen Fächern. Lebe nach der Devise: alle Dinge brauchen ihre Heimat. Und wenn die einmal gefunden ist – bleibt sie es auch…für die Dinge. Klarheit liebe ich wohl noch mehr.

  3.   chrrr

    Das halbe Leben kopfüber in der Handtasche? Hoffentlich nicht in Österreich, da wäre das ein Fall für die Polizei. 😉

  4.   gruebler1836

    Bin ich aber froh, dass noch wer dauernd sucht.

    Dabei habe ich überhaupt keine Handtasche – als echter Mann trage ich so eine Cargohose. Sechs Hosentaschen (zwei vorne zwei hinten zwei am Bein) plus ein doppeltes Uhrentäschchen (damit meine ich die beiden Minitaschen in der rechten oberen Hosentasche).

    Aber was ich da drin suche, finde ich sofort, also allerspätestens innerhalb von 5-10 Minuten.

    Manchmal dann allerdings im Rucksack …

  5.   Mantelmöwe

    Ein bisschen entrümpeln, und eine Tasche mit Innentasche für das wichtigste tun da schon Wunder.

  6.   AGB akzeptiert

    Es gibt kaum etwas unpraktischeres als Damenhandtaschen. Man findet nichts wieder. Sie haben keine Innenbeleuchtung, quasi eine tragbare Singularität des Alltags.
    Es muss dach mal sinnvollere Konzepte geben…

  7.   regido

    Ich habe diesen Zustand,ich weiss nicht,wieviele Jahre ertragen.Irgendwann war Schluss…..keine Handtasche…..keine auch noch so kleine.
    Alles in die Hosen und Jackentaschen.
    Schon alleine immer diese Rumschlepperei,dieses aufpassen müssen……ich würde jetzt gerne tanzen,geht aber nicht,niemand passt auf meine Handtasche auf.
    Schluss.
    Natürlich wird mir dann zuweilen gesagt ich könne ja auch mal etwas weiblicher sein………Ja schon……aber Schluss.

  8.   beob8er

    Meine These ist ja, dass in Frauenhandtaschen wie Kleiderschränken ein bisher unerforschtes Phänomen erhöhter Gravitation herrscht, denn nimmt man den gesamten Inhalt heraus, kann er unmöglich in das Volumen passen, das Tasche oder Schrank haben. Erklärbar ist das nur, wenn die Gegenstände in Handtasche oder Schrank durch höhere Gravitation dichter gepackt sind.
    Falls also mal wieder Gravitationswellen gemessen werden kann es sein, dass nur eine Frau mit großer Handtasche am Detektor vorbeigegangen ist. 🙂

  9.   Almalexian

    Eine gewisse Ordnung in den Taschen und eine Liste zum Abhaken hilft.

  10.   -lupo-

    Gibt`s noch keine Handtaschen-App?

 

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