Dagmar Leupold

Die Summe aus Region und Person

Zu Hause wurde der ostpreußische Dialekt der Mutter geübt. Auf dem Spielplatz in Rheinhessen aber hörten wir andere Mundarten. Das Eigene und das Fremde mischten sich miteinander.

Dialekt: Die Summe aus Region und Person
© Kelly Sikkema/unsplash

Dies ist nicht die Entwicklung eines geschlossenen poetologischen Systems, sondern vielmehr ein Lokaltermin: Wo entspringt „das Schreiben“, „die Stimme“, „der Stoff“. Schreiben kommt niemals ohne das Wissen, die Erfahrung, die Gesellschaft der anderen, des anderen aus. Nur Einzeller vermehren sich über Parthenogenese; beim Erzeugen eines literarischen Texts hingegen ist das Hinzukommen von Fremdem unerlässlich. Erst die Vermischung von Eigenem und Fremdem, eigentlich eine Verunstaltung, bringt die Gestalt hervor. Weiter„Die Summe aus Region und Person“

Dagmar Leupold

Hetzparolenindustrie

Politik ist Wahlkampf ist Werbung. Sie funktioniert mit infamer Rhetorik, wie wir in Bayern sehen. Asyltourismus? Flüchtlingstsunami? Es fehlt der Widerstand gegen die Verrohung der Sprache.

Markus Söder im Wahlkampf für die CSU, Juli 2018 © Matthias Merz/dpa

Hier bin ich Mensch, hier kauf‘ ich ein: So wirbt ein großer Drogeriemarkt für sich. Und eine Supermarktkette verheißt auf einem Banner, welches sich über die gesamte Wand eines Gebäudes in München spannt, dass man sich in 800 Metern endlich wieder verlieben könne – dann nämlich, wenn besagte Filiale wieder eröffne. Das Menschliche am Mensch ist also der Konsum, in den Konsumkathedralen ist das Menschenkind wesenhaft bei sich. Kunde und Dienstleister paaren sich zu glücklichen Liebesbeziehungen; matchen, nennen Partnerbörsen das. Überhaupt hat der Mensch Konjunktur; auch die Politiker wenden sich kaum mehr an die Bürgerinnen und Bürger (oder Wählerinnen und Wähler), sondern an die Menschen. „Die Menschen in unserem Lande erwarten …“ – so beginnt jeder zweite Satz. Weiter„Hetzparolenindustrie“

Dagmar Leupold

Mut zur Lücke

Meinungsbildung war gestern. Heute liken wir oder werden zu Followern. Ein Vorschlag zur Wiederauferstehung der Vernunft: innehalten, nachdenken, mündig werden.

Mut zur Lücke - Vernunft und die mündige Gesellschaft
© Caesar Aldhela / unsplash.com (https://unsplash.com/@caldhela)

Als Nescafé erfunden wurde, warb man für den neuen Kaffeegenuss mit dem Prädikat: sofort löslich. Polaroids ließen sich in kürzester Zeit mit einer Sofortbildkamera erstellen, und die Sofortreinigung suggerierte, dass der Übergang von schmutzig zu sauber ohne Zeitverlust über die Bühne gehen könne. Das sind alles Beispiele aus analogen Zeiten – und entsprechend rührend. Aber eines verbindet sie mit den medialen Instant-Formaten – Twitter, Instagram etc. – des digitalen Zeitalters: die Wertschätzung des nahezu Simultanen, des kurzen Prozesses. Weiter„Mut zur Lücke“

Dagmar Leupold

Wir brauchen Kunst als Störenfried

Political Correctness schadet der Kunst, denn die ist niemals eine Meinungsäußerung. Bleiben wir fähig, Vielfalt und Widersprüchliches in unser Denken zu integrieren!

Political Correctness - Wir brauchen Kunst als Störenfried
Joe Klamar/Getty Images

Unbehagen ist ein eigenartiges Gefühl: Selbst sehr deutlich, gelegentlich sogar körperlich spürbar erwächst es aus etwas, das zunächst undeutlich, ungreifbar ist. Nicht von ungefähr sagt man, es beschleicht einen. Anders als das freudsche Unbehagen in der Kultur, das entsteht, weil kulturelle Anstrengungen dem Sexual- und Destruktionstrieb, der zur menschlichen Natur gehört, hemmend und transformatorisch entgegenwirken, ist mein Unbehagen politisch verortet. Weiter„Wir brauchen Kunst als Störenfried“