Jan Brandt

Das große Ding Dang Dong

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Ein Skandal ist es, dass es keinen gibt: Auf dem Konzert der verehrten und verhassten Rockband The Libertines konnte man sehen, wie Feindschaft zu Freundschaft wird

Als ich von Lars hörte, dass die Libertines nach über zehn Jahren mit einem neuen Album in Berlin auftreten würden, war es schon zu spät. Das Konzert in der Columbiahalle war ausverkauft und alle Versuche, in der Woche zuvor übers Internet an eine Karte zu kommen, scheiterten. Entweder waren die Preise zu hoch oder die Abholorte zu weit weg. Am vielversprechendsten klang noch das Inserat von Sanja: „Eine Freundin ist abgesprungen. Dummerweise war sie meine einzige Begleitung. Ich, 36 J., hätte also noch ein Ticket über. Übergabe wäre kurzfristig nur vor Ort möglich und vielleicht hat auch jemand Lust, sich mir anzuschießen (wenn Empathie stimmt), bin da recht offen. Alles kann, nix muss.“ Weiter„Das große Ding Dang Dong“

Jan Brandt

„Hail to Deutschland“

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In Berlin sind Manowar aufgetreten. Sie spielten Schlachthymnen, priesen Richard Wagner und den „deutschen Weg“, lebten Männerfantasien aus und gaben Frauen Sex-Tipps.

Am Mittwoch rief mich Onno an und fragte, ob ich mit zum Manowar-Konzert ins Tempodrom kommen wolle, er habe noch eine Karte abzugeben. Kolti habe kurzfristig eine Mitarbeiterschulung aufgedrückt bekommen, und Uke drehe einen Werbespot in Schweden, wo er mit Autos über zugefrorene Seen fahren müsse. Eine Karte habe Anne genommen, die zweite würde er, wenn ich nicht zusage, an jemand anderen verkaufen. Weiter„„Hail to Deutschland““

Jan Brandt

Wir sind das Gemüse

In Berlin-Kreuzberg kündigt ein Investor einem türkischen Lebensmittelladen und entfesselt damit einen Sturm der Empörung. Ein Spaziergang ins Herz des Widerstands

 

1. Juli 2015

Es ist Mittwoch, ein warmer Sommerabend, die Sonne scheint, voller Kampfeslust gehe ich die Wrangelstraße entlang. Die Wrangelstraße, die vom Mariannenplatz zur Taborkirche reicht, ist zurzeit ständig in den Medien. Wegen Bizim Bakkal. Bizim Bakkal ist Türkisch und heißt „Unser Lebensmittelladen“. Bizim Bakkal ist der letzte Gemüseeinzelhändler in der Gegend, die letzte Bastion gegen Konzerne, die Globalisierung, die durchkommerzialisierte Stadt. Jetzt soll Bizim Bakkal schließen. Der neue Eigentümer des Hauses mit der Nummer 77 hat der Familie Çalişkan, die seit 28 Jahren im Erdgeschoss Gemüse verkauft, gekündigt. Ende September soll sie raus. Das will die Nachbarschaft nicht zulassen. Seit fünf Wochen gibt es Proteste. Jeden Mittwoch versammeln sich mehr und mehr Menschen vor Bizim Bakkal und demonstrieren dafür, dass er bleibt, wo er ist.

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Jan Brandt

Hinterm Loch die Party

Der Berliner Club Antje Øklesund ist sagenumwoben. Marode Orte wie dieser machten in den Neunzigern den Charme der Stadt aus. Nun wird dort zum letzten Mal gefeiert.

Antje Øklesund: Hinterm Loch die Party * Freitext
© Jan Brandt

Martin, ein alter Schulfreund, der wie ich seit Jahren in Berlin lebt, schwärmte mir schon lange von diesem Ort vor: das Antje Øklesund, ein halb verfallenes Gelände einer Möbelfabrik an der Rigaer Straße im Stadtteil Friedrichshain. Die eine Hälfte des ehemaligen Kesselhauses sei abgebrannt, sagte er, als loderten die Flammen noch in seinem Herzen, die andere stehe noch und beherberge einen Club, ein echter Geheimtipp, nirgendwo weise ein Schild darauf hin, hinein komme man nur durch ein Loch in der Mauer. Das Antje, sagte er, sei der letzte Rest des im Krieg zerstörten Berlins – ein Abenteuerspielplatz wie es, als wir Ende der neunziger Jahre herzogen, noch viele gegeben hat. Und dann schwelgte er in Erinnerungen an besetzte Häuser und illegale Bars, an all die Ruinen, die inzwischen Neubauten gewichen waren, an eine Zeit, die es nicht mehr gab und niemals wieder geben würde in Deutschland.

Martin war damals oft unterwegs, er arbeitete als Schlafwagenschaffner. Wenn ich Martin doch einmal traf, allein traf, sprach er über Frauen, und wenn er nicht über Frauen sprach, dann deshalb, weil er von ihnen umgeben war, und daher hoffte ich, er würde mir Antje Øklesund, die Namenspatin jenes mythischen und doch erst 2005 gegründeten Clubs, eines Tages vorstellen. Aber das tat er nicht. Stattdessen sagte er, was das Antje einzigartig mache, sei das Adriano Celentano Gebäckorchester, das dort regelmäßig auftrete und italienische Schlager spiele. Das, sagte er – er sprach mir dabei tief in die Ohren –, müsse ich mir unbedingt einmal anhören. Weiter„Hinterm Loch die Party“

Jan Brandt

Der Hass bleibt auf der Strecke

Schade. Der Streik ist schon vorbei. Der hat immerhin dazu geführt, dass alle zu Hause bleiben mussten, die sonst ihre sozialen Abgründigkeiten in den Abteilen entladen.

© Adam Berry/Getty Images© Adam Berry/Getty Images

Wer an einem verlängerten Wochenende mit der Bahn Berlin verlässt und einen Ausflug macht, kann im Regionalexpress erleben, warum die europäische Flüchtlingspolitik so ist, wie sie ist, warum es Pegida gibt und was es heißt, deutsch zu sein.

Bei der Hinfahrt Richtung Usedom am vergangenen Donnerstag, Christi Himmelfahrt, schieben und stapeln die Fahrradfahrer ihre Räder im Zug in- und übereinander. Alle schimpfen über die Deutsche Bahn, an diesem Feiertag keine Sonderzüge einzusetzen, sind aber überwiegend frohen Mutes, von der Zuversicht geleitet, unbeschadet und einigermaßen pünktlich ans Ziel zu gelangen.

Auf der Rückfahrt am Sonntag herrscht dagegen eine Das-Boot-ist-voll-Atmosphäre. Weiter„Der Hass bleibt auf der Strecke“

Jan Brandt

Berlin, du bist mein Ruin

Clowns und Hipster auf der Demo, Tocotronic im SO 36, Säufer und Liebende, die sich nicht voneinander lösen mögen. Ein Erlebnisbericht vom 1. Mai aus Kreuzberg

I. Der doofe Clown

Auf dem Mariannenplatz steht ein Metaclown namens Gregor Wollny. Er sieht aus wie der junge Helge Schneider ohne Bart, aber mit Turban. Er spielt kein Instrument, sagt kein Wort, und seine Kunststücke funktionieren nicht. Mit einer Handbewegung bittet er zwei Kinder auf die Bühne, lässt das eine einen Kescher halten, das andere einen Plastikreifen, deutet an, dass er eine Barbiepuppe mit einer Konfettikanone durch den Reifen ins Netz schießen werde. Immer wieder rückt er die Kinder in Position, und als er den Startschuss gibt, fällt die Puppe vor dem Reifen auf den Boden, und es regnet Konfetti. Wie um diesen Fauxpas wieder gutzumachen, bläst er schnell ein paar Luftballons auf, tut so, als würde er sie zu Tierfiguren zusammenfalten, lässt es dann aber doch sein und verschenkt die halbgeknickten Röhren ans Publikum. Am Schluss holt er ein Messer heraus, schaut auffordernd grimmig ins Rund, lässt einen Schein in einen Hut fallen – und die Kinder kommen nach vorn und werfen Münzen hinein. Weiter„Berlin, du bist mein Ruin“

Jan Brandt

Jeder große Roman ist unbezahlbar

Wie schreibt man eigentlich ein gutes Buch? Unser Autor hat die Schriftstellerin Verena Boos über Jahre begleitet – und plötzlich erschien ihr großartiges Debüt.

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Im November 2014 gab ich für die Endrundenteilnehmer des Berliner Literaturwettbewerbs Open Mike einen Workshop mit dem Titel Thema und Stoffe – Worüber wollen wir schreiben?. Um die jungen Schriftsteller kennenzulernen, hatte ich ihnen zuvor eine E-Mail mit drei Fragen geschickt: „Wer bin ich? Was will ich? Und was ist mein verdammtes Problem?“ Letzteres zielte auf einen möglichen Grundkonflikt ab. Ich wollte herausfinden, was sie am stärksten beschäftigt, was sie aufreibt, um daraus mit ihnen zusammen ihr ganz persönliches Thema abzuleiten – eine Art literarische Gruppentherapie. Aber alle verstanden die Frage anders, und als wir uns in der Alten Post in Neukölln gegenübersaßen, erzählten sie von ihren Schreibproblemen, davon, nicht anfangen oder fertigwerden zu können.

Worüber sie, wenn sie schreiben, denn schreiben, wollte ich wissen.

Das wollten sie nicht sagen.

Wie, dachte ich, soll dann ein Gespräch zustande kommen?

Das ist dein Problem, dachte ich, das Gespräch schon mit mir selbst führend.

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Jan Brandt

Bleiche Bürger

Marilyn Manson treibt, wie Kraftwerk, seine eigene Musealisierung voran. Auf seinem neuen Album The Pale Emperor ist der einstige Bürgerschreck salonfähig geworden.

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Beim Konzert von Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie in Berlin steht Dirk neben mir und klärt mich über die Konstitutionstypen von Bandmitgliedern auf. Da gebe es den Pykniker – halslos, mittelgroß, gedrungen –, den Athletiker – kräftig, sportlich, stark –, den Leptosomen – langhalsig, schlaksig, schmalbrüstig – und Mischtypen, die keiner Kategorie klar zugeordnet werden könnten. Welcher Sänger, Gitarrist oder Schlagzeuger welchem Typen entspreche, hänge stark von der Musikrichtung ab, aber Bassisten seien, heißt es, auffallend oft Leptosome.

„Das“, sage ich, „klingt verdammt nach Rassenlehre.“

Und Dirk sagt, der Typ, der dieses System in den zwanziger Jahren entwickelt hat, war später ein Nazi, Anhänger der Ausdruckslehre, die in äußeren Erscheinungen eine symbolische Manifestation von Charaktereigenschaften zu erfassen suchte.

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