Rainer Merkel

Als das Grün noch grün war

Wisst Ihr noch, damals? Als WM war und wir vor dem Fernseher unseren Schlafanzug mit der Würde eines Einwechselspielers trugen? Als der Fußball noch magisch war?

Die deutsche Fußballnationalmannschaft von 1978 © Onze/Icon Sport/Getty Images

Angefangen hat alles auf dem Dach eines kleinen mexikanischen Hotels in der Retortenstadt Playa del Carmen an der Karibik. Ein halbstündiges Gespräch mit einer amerikanischen Fußballbegeisterten, die eigentlich in Mexiko geboren war. Sie hieß Jolanda und sah so aus wie Hope Solo, die amerikanische Torhüterin und hatte einen Freund mit Schnäuzer und Intellektuellensonnenbrille, der aber nie etwas sagte. Der Anfang vom Ende, die große Fußballdepression. Und dass es so jetzt nicht mehr weitergehen konnte. Weiter„Als das Grün noch grün war“

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Hauptstadt zu verschenken

Der Konsum, der Bauboom, das Dröhnen im Himmel, und hinter der Tür scharrt der Krieg: ein Spaziergang durch Beirut, auf der Straße der Verschwörungstheoretiker.

© Sally Hayde / Reuters

Was würde Tania wohl zu Jerusalem sagen? Ist das auch Wasis Schuld? Noch vor einem Monat waren wir in Beirut auf dem Weg zum Café Younes und fragten uns: „Was ist eigentlich mit Wasi, unserem saudi-arabischen Freund?“ Wir liefen die Hamra Road entlang, die Straße der Verschwörungstheoretiker. Die Frage tauchte zum ersten Mal auf, als Tony uns von dem neuen Bauprojekt seiner Familie in Hazmieh erzählte, und ob sie vielleicht jetzt statt der vier Stockwerke doch zehn bauen sollten und wie sie das genehmigt bekommen. (Sein Vater hat fast sein ganzes Geld in diesen Neubau investiert und je höher sie bauen können, desto mehr Geld kommt dabei für ihn heraus.) Tania machte unter der Hand die Bemerkung, sie könnten doch Wasi fragen, schließlich sei der in der Baubranche tätig. Der könnte das bestimmt regeln. So wie man eben jetzt denkt, dass Saudi-Arabien alles mögliche „regelt“. Und Freunde haben sie auch überall, selbst in Israel, wie man so hört. Tania hatte mal wieder ihre zynisch-idealistische Phase. Weiter„Hauptstadt zu verschenken“

Rainer Merkel

Der Winter ist doch eh nur Bluff

Wenn es draußen ungemütlich wird, sind Herbst- und Winterdepression nicht weit. Dabei könnte alles so schön sein. Man muss nur lernen, sich richtig zu erinnern.

Winterzeit: Winter ist doch eh nur Bluff
© Kinga Cichewicz / – (https://unsplash.com/@lets_run_away)

Tagsüber ist alles noch okay. Machmal scheint die Sonne. Und man könnte denken: Vielleicht klappt es ja diesmal. Es ist alles fake und der Winter fällt aus. (Dank Klimawandel und globaler Erwärmung.) Wir haben es schon mal im Sommer versucht, in den Ferien. Wir haben mit Jimmy gesprochen. Wir haben ihm erklärt: „Der Herbst ist eine durch und durch deutsche Jahreszeit. Das gibt es sonst nirgendwo.“ (Das müssen nur wir ertragen.) „Ihr in Südfrankreich habt es echt leicht.“ Aber Jimmy hat nur den Kopf geschüttelt. Müde und ein bisschen traurig. Es fällt leichter, Abschied vom Sommer zu nehmen, wenn man an Jimmy denkt. An seine Karriere und dass sie jetzt langsam zu Ende geht. Weiter„Der Winter ist doch eh nur Bluff“

Rainer Merkel

Lieber Herr Schmadtke, können wir uns kurz abstimmen?

Die Bundesliga beginnt und mit ihr die große Depression. Die Hoffnungen und Transfer-Gerüchte des Sommers sind verpufft. Jetzt hilft nur noch beten. Oder wegschauen.

© Christof Stache/AFP/GettyImages

Wie hat das alles angefangen? Diese große Depression kurz bevor es richtig losgeht. Nach dem unendlichen Strom aus Transfer-Nachrichten und Transfer-Gerüchten des Sommers. Wie geht es jetzt weiter? Hilft jetzt nur noch beten? Eine große und rückhaltlose Beichte, bevor der erste Spieltag beginnt? Damals, als jugendlicher Ministrant, verließ man nach dem Acht-Uhr-Gottesdienst frohgemut die Kirche, fuhr schnell nach Hause und zog sich um, schlüpfte in die alte schmuddelige Adidas-Sporthose und radelte zum Park, um mit Klassenkameraden und deren Eltern zwischen den Bäumen in dem von Konrad Adenauer errichteten Kölner Stadtwald Fußball zu spielen. Weiter„Lieber Herr Schmadtke, können wir uns kurz abstimmen?“

Rainer Merkel

Unser Freund, der Baum

Bäume vor dem Balkonfenster gaukeln immerhin ein wenig Idylle vor. Aber was, wenn die Stadt sie abholzen will? Dann bangen wir nicht nur um das lauschige Grün.

© Mad House/Unsplash.com

Erst war uns noch nicht klar, was das bedeutete: Der Baum war gar nicht tot. (Unser Baum, von dem wir annahmen, er würde zu den vom Grünflächenamt ausgewählten Kandidaten gehören und gefällt werden müssen.) Es ist gut, einen Baum vor dem Haus zu haben. Wir haben es auch L. zu erklären versucht, der allerdings behauptete, Bäume vor dem Haus zu haben, empfände er als irgendwie „unsauber“. Bäume im Libanon, zum Beispiel in Beirut, woher L. stammt, erscheinen dort zunehmend als irrealer Luxus, der die Stadt daran hindert, sich aller Räume zu bemächtigen, die Geld einbringen und für höhere Mieteinnahmen sorgen. Entwicklungen, unter denen L. jetzt in München so furchtbar leidet. Er wohnt in einer Wohnung, die so klein ist, dass wir ihn leider nicht besuchen können, da er eigentlich nur über einen einzigen Schlafplatz verfügt. Trotzdem sind wir natürlich erleichtert und glücklich: Der Baum hat überlebt. Weiter„Unser Freund, der Baum“

Rainer Merkel

Sehnsucht nach Paris, trotz alledem

Nachmittags Idylle im Jardin du Luxembourg. Abends zeigt der Kellner ein Handy-Video von einem Anschlag. Wie viele Gegensätze kann eine Stadt aushalten?

© Pedro Lastra/Unsplash

L. denkt, wir könnten diesen Sommer wieder nach Paris fahren. Irgendwann im August, wenn sich die Stadt leert, um sich vorübergehend ganz den Blicken und Phantasmen seiner Besucher auszuliefern. „Wir wissen gar nicht, ob Paris im Sommer überhaupt noch existiert“, entgegnen wir, „und ob Europa dann überhaupt noch da ist.“ Mit L. über Europa zu diskutieren hat keinen Sinn. Obwohl L. behauptet, Paris sei die Stadt, in die sich das Beirut seiner Jugend transformiert hat. Paris als Tagtraum. Beirut, das sich immerfort nach Paris sehnt, obwohl Paris gar nichts mehr mit Beirut zu tun haben will. Weiter„Sehnsucht nach Paris, trotz alledem“

Rainer Merkel

Unsere Träume werden in Erfüllung gehen

Wieder mal zum Zahnarzt, eine Festanstellung bei Google, oder doch lieber auf Lehrer umschulen? Bis Mitternacht darf vorgeträumt werden, damit das neue Jahr besser wird.

Silvester: Unsere Träume werden in Erfüllung gehen
© Jakob Owens/Unsplash

Bei meinem Zahnarzt gibt es ein Hinterzimmer, das sich zu einem riesigen Open-Space-Büro vergrößert, wenn man an der Rezeption, wo man sein Bonusheft abgegeben hat, vorbeiläuft, nach links abbiegt, den Gang hinunter und an den Behandlungszimmern vorbei bis zu dem Raum, wo normalerweise geröntgt wird. Weiter„Unsere Träume werden in Erfüllung gehen“

Rainer Merkel

Die Halbangst im Nacken

Die Kölner Fans taumeln glückselig durch die Saison. Bis jetzt. Die ersten Niederlagen bringen den Schmerz zurück. Was hilft: Das Leid teilen. Wie im echten Leben.

© PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images
© PATRIK STOLLARZ/AFP/Getty Images

Übrigens, das ist keine Einbildung, das ist wirklich wahr: Das Stadion ist der Ort der Poesie und zwar der Poesie der Katharsis. Man braucht nur ein bisschen Geduld, bevor die innere Reinigung abgeschossen ist. Zum Beispiel neulich im Berliner Olympiastadion. Das Spiel ist eigentlich schon vorbei und, obwohl die Niederlage schon feststeht, ereignet sich trotzdem noch ein kleiner Glücksmoment. Wir sind im Block F3 und warten noch ein paar Minuten bis die meisten draußen sind, nur die blauweiße, düstere Wand der Berliner Fans, die den ganzen Nachmittag über in Wellen ihren dumpfen, tierhaften Siegesgesang herüberschwappen ließen, ist auch noch da. Weiter„Die Halbangst im Nacken“

Rainer Merkel

Nichts gegen McFit

Keine Sinnfragen stellen, lieber an der Ertüchtigung arbeiten. Laufbänder und Gewichte stehen rund um die Uhr bereit. Statt in Kirchen büßen wir heute in Fitness-Studios.

Fitnessstudios: Der Trainer sagt nur "Super"
© Abhishek Chinnappa/Reuters

 

Was gibt es Neues bei McFit, habe ich mich neulich gefragt. Die Love Parade ist in Vergessenheit geraten und der Prozess gegen die Veranstalter, zu denen auch der Gründer von McFit gehört hatte, ist erst mal im Sande verlaufen. Der Ruf wiederhergestellt und aufpoliert. Ist sonst etwas bei McFit passiert? Weiter„Nichts gegen McFit“

Rainer Merkel

Der Tag, an dem ich meinen Friseur verlor

Über Flüchtlinge wird immer kontroverser debattiert. Was wir dabei übersehen: Auch das Gespräch mit Ausländern, die schon lange hier leben, wird dadurch schwierig.

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Carsten Koall/Getty Images

Jetzt habe ich auch noch meinen Friseur verloren. Es ist der Endpunkt eines schwierig verlaufenden Jahres und hat indirekt mit den Flüchtlingen zu tun. Ich habe das neulich auch L. erzählt, der darüber aber nicht besonders überrascht war. Mein türkischer Friseur pflegt nämlich das Schneiden der Haare mit einer Flamme zu beenden, die er schnell und gekonnt nacheinander an beide Ohren hält. Etwas, was kein deutscher Friseur und schon mal gar keine deutsche Friseurin zustande bringt, glaubt L. Weiter„Der Tag, an dem ich meinen Friseur verlor“