Viktor Martinowitsch

Freiheit ist Papier

Das Internet ist kein Synonym mehr für Demokratie. Wer von Gleichheit, Protestkultur und mutigen Äußerungen träumt, muss sich vom digitalen Zeitalter verabschieden.

© Manolo Chrétien/Unsplash

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Erinnert sich noch jemand an die blauäugigen Tage, da eine vom eigenen Rechner verschickte E-Mail kein gerichtsfester Beweis dafür war, dass man selbst an diesem Mailwechsel beteiligt war? Weil „Dritte den Computer unter ihre Kontrolle gebracht“ haben könnten? Erinnert sich noch jemand an den wunderbaren Begriff des Avatars? Der den Autor vom elektronischen Erzähler unterschied? Erinnert sich noch jemand, wie wir im LiveJournal-Zeitalter, noch bevor die Ära der totalen digitalen Sklaverei anbrach, unseren Alter Egos im Netz fiktive Nicknames gaben? Damit sich niemand über die literarischen Versuche unserer Avatare mokiert? Das war doch erst gestern, ist vielleicht läppische zehn Jahre her! Weiter„Freiheit ist Papier“

Viktor Martinowitsch

Dieser urkomische Terror

Die britische Komödie „The Death of Stalin“ darf in Russland nicht in die Kinos. In Belarus ist sie erlaubt. Das hat nicht mit unterschiedlichem Sinn für Humor zu tun.

Molotow (Michael Palin), Malenkow (Jeffrey Tambor), Wassili Stalin (Rupert Friend), Chruschtschow (Steve Buscemi) und Beria (Simon Russell Beale) in dem Film „The Death of Stalin“ (von links nach rechts) © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

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Das Kulturministerium der Russischen Föderation hat den Verleih der britischen Komödie The Death of Stalin gestoppt, da sie „Informationen enthält, deren Verbreitung die Gesetzgebung der Russischen Föderation untersagt“. In Belarus wird der Film gezeigt, und das hat nicht allein mit dem unterschiedlichen Sinn für Humor zu tun. Weiter„Dieser urkomische Terror“

Viktor Martinowitsch

Eine lupenreine Miniperestroika

Belarus lockert die Verstaatlichung und öffnet sich der globalen Wirtschaft. Die Liberalisierung gilt aber ausschließlich für die IT-Branche. Ist das schon Revolution?

© [M] Dan Kitwood/Getty Images
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Belarus, bis vor Kurzem noch der am stärksten isolierte Staat Osteuropas, hat sich mit einer radikalen Liberalisierung seiner Gesetzgebung für die globale IT-Wirtschaft geöffnet. Allerdings nur in diesem einen Bereich. Weiter„Eine lupenreine Miniperestroika“

Viktor Martinowitsch

Der Drachenbezwinger

Vom Staat erwartet man in Russland nicht Politik, sondern Wunder. Wahlen sind nur Schaukämpfe. Der Sieger steht vorab fest. Deshalb ist Putin so mächtig und so beliebt.

© [M] Alexander Zemlianichenko/Pool / Reuters

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Russland ist literaturfixiert. Über die Haltung der Amerikaner zu ihrer Regierung informiert man sich am besten in Fernsehen und Internet, über die der Vietnamesen auf dem Basar, über die der Deutschen am Stammtisch. In Russland erfährt man im Fernsehen nur, was die Regierung von sich hält, auf dem Basar wird eingekauft und weiter nichts, und in der Bar sind nach alter Tradition seit Iwan III. Diskussionen über Politik tabu. Dafür gibt es die Küchengespräche, zu denen man aber erst mal eingeladen werden muss. Doch seit Gogols Zeiten finden sich sämtliche Antworten auch in der hochwertigen Belletristik. Weiter„Der Drachenbezwinger“

Viktor Martinowitsch

Der liebe Mischa kehrt zurück

Seit einigen Monaten können EU-Bürger ohne Visum nach Minsk reisen. Sind Ausländer etwa doch nicht allesamt Staatsfeinde und Spione? Über den langsamen Wandel in Belarus

Feier zum Unabhängigkeitstag im Juli 2017 in Minsk © Dan Kitwood/Getty Images

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In meiner Erinnerung sehe ich meine Mutter 1980 zum ersten Mal weinen. Ich war damals drei. Die Olympischen Spiele in Moskau gingen eben zu Ende, im Fernsehen lief die Schlussfeier. Da tauchte im Stadion nach festlichen Fanfarenstößen plötzlich ein riesiger Bär auf, das Maskottchen dieser Sommerspiele, und ein zutiefst ergreifendes Abschiedslied erklang. Die Kamera zeigte Gesichter auf den Rängen in Großaufnahme. Als der Bär abhob und unter einem Bündel Luftballons in den Himmel schwebte, weinten viele. Weiter„Der liebe Mischa kehrt zurück“

Viktor Martinowitsch

Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!

Um Proteste zu verhindern, sind in Belarus Verleger, Journalisten und Aktivisten „präventiv“ festgenommen worden. So schlimm war es seit den dreißiger Jahren nicht mehr.

Polizisten vor der Demonstration in Minsk am 24. März (© Vasily Fedosenko/Reuters)

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Die in Belarus per Präsidialdekret Nr. 3 eingeführte Arbeitslosensteuer hat seit Mitte Februar in Minsk und anderen Großstädten in Belarus viele Menschen auf die Straße getrieben. Zunächst forderten sie die Rücknahme der Strafen für „Parasiten“ (als „Parasit“ gilt, wer nicht bereit ist, für den Monatslohn von 100 Dollar zu arbeiten, der vom Arbeitsamt für freie Stellen in Aussicht gestellt wird). Nikalai Statkewitsch, Ex-Präsidentschaftskandidat, hat die Regierung aufgefordert, das Dekret bis zum 25. März zurückzunehmen. Für den 25. März, den Unabhängigkeitstag, wurde eine Großdemonstration angekündigt. Weiter„Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!“

Viktor Martinowitsch

Du sollst nicht duckmäusern

Osteuropa war ein Imperium der Feigheit. Der Schriftsteller Michail Bulgakow hat das Aufbegehren dagegen gelehrt. Nun erlebt man in Belarus das Aufblühen des Mutes.

© Maxim Malinovsky/AFP/Getty Images

Meine erste Begegnung mit Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita hatte ich Anfang der Neunziger, als mein Vater einen Samisdat-Matrizenabzug mit blassen Buchstaben und improvisiertem Wachstucheinband mit nach Hause brachte. Schon auf den ersten Seiten, auf denen zwei sowjetische Schriftsteller, die an Patriarchenteichen Aprikosenlimonade trinken, dem als Ausländer verkleideten Satan einreden wollen, er existiere in Wirklichkeit gar nicht, war mir klar, dass dieser Text mit großer Vorsicht zu genießen ist. Weiter„Du sollst nicht duckmäusern“

Viktor Martinowitsch

Wer schmarotzt, zahlt Strafe

Der Staat unterstützt Bedürftige. Nicht so in Belarus. Die „Parasitensteuer“ verpflichtet Arbeitslose jetzt, extra Abgaben zu zahlen. Ein Rückfall in finstere Zeiten

Straßenverkäuferin in Zhytkavichy, Belarus © Viktor Drachev/AFP/Getty Images

Am 13. Januar 1964 wurde der Schriftsteller Joseph Brodsky wegen Parasitentums verhaftet. Nach dreiwöchiger psychiatrischer Begutachtung wurde er zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt und mit mehreren Schwerverbrechern in eine Strafkolonie überführt. 1991, in den letzten Monaten der UdSSR, löste das Gesetz „Über den Beschäftigungsstand der Bevölkerung“ den sowjetischen Parasiten-Ukas ab und legalisierte den Arbeitslosenstatus. Weiter„Wer schmarotzt, zahlt Strafe“

Viktor Martinowitsch

Crashkurs in totalitärer Linguistik

Der Westen unterstellt gern, Wahlen in Osteuropa würden undemokratisch ablaufen. Das ist natürlich Unsinn. Man meint nur etwas anderes, wenn man von Demokratie spricht.

© STR/Getty Images
© STR/Getty Images

Im belarussischen Parlament wurden zum ersten Mal seit zwölf Jahren zwei Oppositionelle gesichtet. Trotzdem entsprach die Parlamentswahl nach Einschätzung des OSZE-Büros für Demokratische Institutionen und Menschenrechte nicht den internationalen Standards. Vorausgegangen waren komplizierte Hintergrundgespräche. Nun fühlen sich beide Seiten an der Nase herumgeführt und zeigen sich verärgert: sowohl diejenigen, die angeordnet haben, die Opposition ins Parlament zu lassen und denen jetzt die Anerkennung aus Europa verweigert wird, als auch diejenigen, die einen ehrlichen Wettstreit erwartet hatten und denen die Verkündung der Ergebnisse nun sauer aufstößt. Weiter„Crashkurs in totalitärer Linguistik“

Viktor Martinowitsch

Am Ende siegt immer das Böse

Blutrünstigkeit und Machthunger führen zum Erfolg. Diese Moral von Game of Thrones mag man verwerflich finden. Postsowjetische Politik bildet sie erschreckend genau ab.

"Game of Thrones": Am Ende siegt immer das Böse
© Helen Sloan/HBO

Der russische Philosoph und Altphilologe Alexej Lossew erklärte in seiner Geschichte der antiken Ästhetik, die Kluft zwischen der Welt schöngeistiger Fiktion und der realen Welt sei zur Entstehungszeit der Ilias nicht besonders groß gewesen, falls sie überhaupt bestanden habe. Die Belagerung Trojas, die Verführung und Einschläferung des Zeus durch Hera – all dies wird uns vom Autor (oder den Autoren) als tatsächliches Ereignis dargestellt, da man die Fiktion, das zentrale Attribut der schöngeistigen Literatur, im 8. Jahrhundert vor Christus noch nicht kannte. Weiter„Am Ende siegt immer das Böse“