Ulrike Draesner

Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung

Was die enthemmte, volksverdummende Brexit-Rhetorik angerichtet hat, macht viele Briten fassungslos. Auch wenn der Mörder von Jo Cox psychisch gestört ist, bleibt seine Tat politisch.

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Als ich am Donnerstagabend von Jo Cox‘ Tod hörte und erfuhr, dass sie einen Mann und zwei Kinder hinterlässt, musste ich an das Buch Trauer ist ein Ding mit Federn von Max Porter denken. Es schildert, wie ein Mann und seine beiden Söhne nach dem überraschenden Tod der Mutter trauern und versuchen, mit der neuen Lage zurechtzukommen. Ihre Leben sind auf immer verändert. Eine Krähe, rau, schwarz, brutal, Aasfresser, Allesfresser, riesig, zieht bei ihnen ein.

Porters Roman sagt radikale Taten gegen Andersdenkende (Politiker, weiblich) nicht voraus. Er hat mit dem Fall von Jo Cox nichts zu tun. Doch Trauer fühlte ich, wie mir angesichts der brutalen Tat in Birstall deutlich wurde, bereits seit Wochen. Weiter„Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung“

Ulrike Draesner

Da schwappt der Zellcode

Klassikerverehrung kann man belächeln. Oder beim Übersetzen entdecken, dass William Shakespeare, der vor 400 Jahren starb, über Klonen und Speichermedien schrieb.

© Leon Neal/Getty Images
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Shakespeare everywhere – in Englands Buchläden liegen sie auf Tischen aus, die x neuen Ausgaben seiner Werke für Erwachsene, Kinder, Jugendliche, umgeben von Barden-Tassen und Barden-Geschirrtüchern, begleitet von Ausstellungen, Festivals, Aufführungen. Ein Sommer voller Shakespearedramen, Shakespeareliedern erwartet uns. 400. Todestag, denkt man, hat man ihn also wieder hervorgekramt, den Elisabethaner, betreibt Klassikerverehrung und etwas nationale Selbstversicherung gleich dazu? Weiter„Da schwappt der Zellcode“

Ulrike Draesner

Das Vertrauen verteidigen

Der Glaube daran, dass andere Menschen uns freundlich gesinnt sind, ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Was tut man, wenn dieser Kitt brüchig wird?

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© Carsten Koall/Getty Images

Vor Jahren las ich einen Artikel über eine Studie, die mir der ungewöhnlichen Kombination ihrer Themen wegen in Erinnerung blieb. Es ging um Konsumsteigerung – und um Vertrauen. Man hatte Paare gebildet und jeweils einem der Probanden eine nennenswerte Summe Geld zur Verfügung gestellt. Er durfte frei entscheiden, wie viel dieses Geldes er seinem Partner übergab, damit dieser es anlegte. Der so erwirtschaftete Gewinn sollte geteilt werden. Weiter„Das Vertrauen verteidigen“

Ulrike Draesner

Eine Schule fürs Zusammenleben

In englischen Schulen gelten strenge Regeln. Das mag abschreckend wirken. Tatsächlich gelingt auf diese Weise die Integration von Kindern aus anderen Kulturkreisen.

© WPA Pool/Getty Images
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Es greift. Seit drei Monaten sind wir in England. Es greift: Mein Kind geht gern zur Schule. Der Unterricht findet auf Englisch statt. Muss anstrengend sein. Das Kind kommt erschöpft nach Hause. Klagt nicht. An unserer Berliner Schule herrschten eine freundliche Lernatmosphäre, Offenheit, Förderung des individuellen Kindes. Allmählicher Notenstress seit Jahrgangsstufe drei. Kleine Klassen allerdings. Gewaltige Unterschiede im Vergleich zu meiner Schulzeit, was Fragen der Disziplin, des Strafens, der Kindgerechtheit angeht. Welch Segen. Weiter„Eine Schule fürs Zusammenleben“

Ulrike Draesner

Muss man die Feste feiern, wie sie fallen?

Hierzulande Karnevalsauftakt, Poppy Day und Guy Fawkes in England. Manchmal kann all die Ideologie hinter den Feiertagsritualen ganz schön auf die Stimmung schlagen.

Der November ist ein Monat des Gedenkens, nicht nur in Deutschland. Muss mit der Jahreszeit zu tun haben, und wahrlich, es wird düster, selbst auf Inseln, die sich, obgleich in Teilen von der Nordsee umspült, nicht mehr für einen Teil Europas halten. Karneval? St. Martin? Pustekuchen. Weiter„Muss man die Feste feiern, wie sie fallen?“

Ulrike Draesner

Die Tiefen der englischen Seele

Erster Tag an der neuen Schule in Oxford. Das Kind soll „Pigsoles“ tragen. Schweinesohlen? Kulturelle Unterschiede hin, kulturelle Unterschiede her – das ist seltsam.

Ich fahre mit dem Kinderfahrrad durch Oxford. Ich sehe darauf aus wie ein tretender Affe. Die Nachbarin hat mich angehalten und mir einen Helm aufgenötigt. Er ist grünschwarz, das Fahrrad gelbblau. Ich fahre auf der linken Seite, ich lebe nicht zum ersten Mal hier. Man schaut mir nicht nach, wir sind in England. Ich fahre wie blöd, ich muss zum Supermarkt und in ein Geschäft mit Haushaltswaren. Es ist bank holiday. Alle Geschäfte haben extra lange geöffnet, alle Leute haben Extrazeit, Extrasonderangebote zu shoppen. Der Landlord, der jeden dritten Tag im Haus erschient, um exakt eine Stunde lang zu räumen, sagt, als ich ihn nach dem Anlass für den Feiertag frage: mehr Shopping. Das ist weder ironisch noch ernst, es ist einfach wahr. Weiter„Die Tiefen der englischen Seele“

Ulrike Draesner

Der Schweinemaul-Steck-Fall

David Cameron soll ein delikates Körperteil in ein Schweinemaul gesteckt haben. Das erzählt mehr über den englischen Humor als über den Prime Minister.

Da bin ich seit drei Wochen in England und suche ihn: den britischen bzw. englischen Humor. Die Nation lacht sich halb krank über die BBC-Back-Show am Mittwoch. Nun gut. Ende August fahre ich um kurz nach sechs an unserem Nachbarpub vorbei. Eben geöffnet. Ganz in Rot gekleidete Menschen über 50 torkeln mit den auf übliche Weise (bis zum Rand) gefüllten Biergläsern heraus. Torkeln, weil sie auf High Heels gehen: alle. Männer wie Frauen – in roten Abendkleidern, roten Boas, roten Glitzerleggins, mit angeklebten Brüsten und so weiter. Okay, denke ich. Verstehe nichts, aber offensichtlich amüsieren die sich prächtig: making fun of themselves. Weiter„Der Schweinemaul-Steck-Fall“

Ulrike Draesner

Der Muttersprachenillusion auf der Spur

Engländer geraten nicht vom Regen in die Traufe. Sie springen von der Grillpfanne ins Feuer. Unser Bild von der Welt hängt von der Sprache ab, die wir für sie finden.

Ich stehe in einem Oxforder College-Büro, wo man mir erklärt, wo die Drucker zu finden sind. Es schüttet, was nichts macht, nass bin ich schon. „Walk through Monk’s Passage, turn to your right at the scaffolding, look for the tiny staircase, if it is flooded, just climb over… “ Gestern Abend ist der Feueralarm in meinem Miethaus innerhalb von zehn Tagen zum 13. Mal losgegangen. Ohne jeden Anlass, wie immer. Jetzt die Flut. Weiter„Der Muttersprachenillusion auf der Spur“

Ulrike Draesner

Das Stehen in Nummer vier dauert drei Stunden

Kontoeröffnung klappt nicht. Internetanschluss gibt es nur mit Konto. Unsere Autorin lebt seit drei Tagen in Oxford und verzweifelt an den Tücken des Ankommens.

Ich sage zu meinem Kind: „Nachbarn sind nicht nur die Leute neben dir, sondern auch die um dich herum“, als wir über die Straße gehen. Wir haben das Paket für einen Nachbarn entgegengenommen. „Erst rechts schauen, dann links“, sage ich zu meinem Kind. Ich will es nicht umbringen, indem ich ihm die Regel falsch erkläre, denke also selbst rasch noch einmal nach. Stimmt: Die kommen von rechts. Weil sie links fahren. Der Nachbar gegenüber wohnt im Keller. Nummer B. A liegt darüber, Eingang auf Straßenhöhe. Wir tappen über die Straße zurück. Die Schilder sind klein, sagen 40. Das Busschild haben wir lange Zeit gar nicht erst gesehen. Lange Zeit: Seit drei Tagen sind wir da.

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