Florian Werner

Sommer der Psychedelik

In größter Hitze drei Tage Musik auf den Ohren: Ist man nach dem Berliner Pop-Kultur-Festival noch derselbe Mensch? Notizen aus der Endlosschleife

Neneh Cherry im Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei (© Camille Blake/Pop-Kultur)

Ich wache auf, ein Blick auf den Wecker: Es ist morgens um drei, und ich habe ein Fiepen im rechten Ohr, als hätte sich ein Schwarm Moskitos in meinem Gehörgang eingenistet; oder ist die amerikanische Techno-Produzentin Karen Gwyer eingezogen und legt gerade die extrem hochgepitchte Version eines ihrer Minimal-Tracks auf? Es ist nur mein Tinnitus, Andenken an das Pop-Kultur-Festival in Berlin. Wer sich drei Tage in Folge jeden Abend sieben Stunden lang mit Musik berauschen lässt, darf sich aber auch echt nicht wundern. Weiter„Sommer der Psychedelik“

Dagmar Leupold

Die Summe aus Region und Person

Zu Hause wurde der ostpreußische Dialekt der Mutter geübt. Auf dem Spielplatz in Rheinhessen aber hörten wir andere Mundarten. Das Eigene und das Fremde mischten sich miteinander.

Dialekt: Die Summe aus Region und Person
© Kelly Sikkema/unsplash

Dies ist nicht die Entwicklung eines geschlossenen poetologischen Systems, sondern vielmehr ein Lokaltermin: Wo entspringt „das Schreiben“, „die Stimme“, „der Stoff“. Schreiben kommt niemals ohne das Wissen, die Erfahrung, die Gesellschaft der anderen, des anderen aus. Nur Einzeller vermehren sich über Parthenogenese; beim Erzeugen eines literarischen Texts hingegen ist das Hinzukommen von Fremdem unerlässlich. Erst die Vermischung von Eigenem und Fremdem, eigentlich eine Verunstaltung, bringt die Gestalt hervor. Weiter„Die Summe aus Region und Person“

Adriana Altaras

Ich wühle um mein Leben

Telefon? Lippenstift? Hilfe! Das halbe Leben verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Fragen Sie nicht, was passiert, wenn im Urlaub noch die Koffer dazukommen.

Agustina San Martin/EyeEm

Die Hälfte meines Lebens verbringe ich kopfüber in meiner Handtasche. Mal ist der Hausschlüssel verschwunden, dann suche ich in den Tiefen meiner Tasche meinen Lieblingslippenstift. Der Boden meiner Handtasche scheint in solchen Momenten an Tiefe zu gewinnen, er wird gleichsam uferlos, ein sich ausdehnender Kosmos, und ich wühle und wühle um mein Leben, aber die geliebten Gegenstände bleiben verschollen. Weiter„Ich wühle um mein Leben“

Friedrich Ani

Der bayerische Mensch an und für sich

Der Bayer dümpelt satt und selbstgefällig in seiner Lederhose vor sich hin und lässt den Herrgott einen guten Mann sein. Das Weltgeschehen ist ihm wumpe. Eh klar, gell?

Bayern - Der bayerische Mensch an und für sich
© Philipp Guelland / Getty Images

Bayern ist lustig. Von außen gesehen, in den Augen vieler Nichtbayern. Der Bayer – und daran hat sich seit Menschengedenken in der Vorstellung einschlägiger Bayernbeobachter nichts geändert – haut sich morgens auf die Schenkel, um wach zu werden; zum Frühstück genehmigt er sich ein Weizenbier; den Rest des Tages verbringt er entweder in einer Lederhose in einem Kuhstall oder in einem Anzug bei BMW oder, als Bayerin, mit Shoppen auf der Maximilianstraße. Diese Straße ist benannt nach … Egal. Weiter„Der bayerische Mensch an und für sich“

Katerina Poladjan

Das Schweigen ist ein lauter Ruf

An der Bosporuspromenade sitzen Familien. Man angelt und grillt. Über Politik wird nicht gesprochen. Ich bin fremd in Istanbul und finde hier doch, was in Europa fehlt.

Istanbul: Das Schweigen ist ein lauter Ruf
© Ozan Kose/AFP / Getty Images

Ich bin in Istanbul, nun schon den achten Monat. Ich kenne verschiedene Jahreszeiten, kenne die Mimosen, Hortensien, den blühenden Judasbaum, reife Feigen auf dem Glasdach der Bushaltestelle, unreife Haselnüsse von der Schwarzmeerküste. Ich kenne sogar das Unkraut und ich weiß, wie der Staub riecht. Ich kenne den Winterwind und die feuchtheißen Stürme des Sommers. Vor kaltem Regen fliehe ich manchmal in ein Teehaus und die Männer fragen sich, was sie mit dieser Ausländerin anstellen sollten – ihr einen heißen Tee bringen, eine weiche Katze, einen Stuhl? Weiter„Das Schweigen ist ein lauter Ruf“

Paula Fürstenberg

Gedanken im Gehege

Warum sind Menschen fasziniert von eingesperrten Tieren? Geht es um Artenschutz oder die Beherrschung der Welt? Zu Besuch im Zoo von Tbilisi.

Zoo: Gedanken im Gehege - Freitext
Das ist Begi, das berühmteste Nilpferd Georgiens (© Vano Shlamov/AFP/Getty Images)

Der Zoo von Tbilisi liegt im toten Winkel eines Autobahnkreuzes. Der Eintritt kostet bis zum Alter von drei Jahren nichts, danach einen und ab zwölf zwei Lari, weniger als einen Euro. Für das Taxi vom Liberty Square hierher habe ich acht Lari bezahlt, was vermutlich verhandelbar gewesen wäre, wenn ich auf diesem Gebiet nicht so unfähig wäre. Im Eingangsbereich finden sich keine Tiere, es sieht aus wie auf dem Rummel: Eine Schießbude, ein Karussell in Heißluftballonform, eine Würstchenbude, ein Autoscooter, ein Klettergarten und sechs immobile Rütteleinheiten (ein Motorrad, zwei Autos und drei Dinosaurier), für die ich dank der Alltagsprobleme eines Übersetzerkollegen die Vokabel kenne. Außerdem gibt es ein Dings, für das ich keine Vokabel habe, es handelt sich um drei Feuerwehrautos auf Schienen, in denen Kinder im Kreis fahren. Weiter„Gedanken im Gehege“

Viktor Martinowitsch

Freiheit ist Papier

Das Internet ist kein Synonym mehr für Demokratie. Wer von Gleichheit, Protestkultur und mutigen Äußerungen träumt, muss sich vom digitalen Zeitalter verabschieden.

© Manolo Chrétien/Unsplash

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Erinnert sich noch jemand an die blauäugigen Tage, da eine vom eigenen Rechner verschickte E-Mail kein gerichtsfester Beweis dafür war, dass man selbst an diesem Mailwechsel beteiligt war? Weil „Dritte den Computer unter ihre Kontrolle gebracht“ haben könnten? Erinnert sich noch jemand an den wunderbaren Begriff des Avatars? Der den Autor vom elektronischen Erzähler unterschied? Erinnert sich noch jemand, wie wir im LiveJournal-Zeitalter, noch bevor die Ära der totalen digitalen Sklaverei anbrach, unseren Alter Egos im Netz fiktive Nicknames gaben? Damit sich niemand über die literarischen Versuche unserer Avatare mokiert? Das war doch erst gestern, ist vielleicht läppische zehn Jahre her! Weiter„Freiheit ist Papier“

Norbert Niemann

Nur die Quote zählt

Aufmerksamkeit bekommt derzeit nur populistisches Geschrei, nicht die kritische Reflexion. Gerade in Deutschland sollte man sich an die Gefahr von Propaganda erinnern.

Populismus – Nur die Quote zählt
© plainpicture/Millennium/Attura Nadia

In dem klugen, differenzierten Beitrag von Michael Ebmeyer vom 6. Juni gibt es einen einzigen Punkt, den ich mir noch präziser und differenzierter gewünscht hätte – und der steht gleich in der Überschrift. Die undogmatische, selbstkritische „linke Erzählung“, die der Autor vermisst und verzweifelt sucht, gibt es nämlich längst. Ein Nachdenken kritischer Intelligenz darüber, „wie wir uns von der neoliberalen Irrlehre lösen und erkunden, wie eine neu und demokratisch fundierte internationale Solidarität aussehen kann“, findet an vielen Orten statt – unter anderem auch hier im Freitext. Weiter„Nur die Quote zählt“

Tanja Maljartschuk

#FreeSentsov

Der ukrainische Regisseur Oleh Senzow wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Seit Wochen ist er im Hungerstreik. Der Geschmack der Freiheit ist rar in Russland.

Der ukrainische Regisseur Oleh Senzow © Sergey Pivovarov / Reuters

Essen. Als Kind aß ich viel zu viel, weil ich entdeckt hatte, dass es unglaublich angenehm ist, voll zu sein, man fühlt sich sicher, geschützt, sorglos. Essen hat weniger mit Ernährung und Überleben zu tun, sondern viel mehr mit Beruhigung, es tröstet und entspannt. Sehr oft nach dem üppigen Feiertagsessen hatte ich schreckliche Bauchschmerzen und musste in der Nacht erbrechen, dennoch habe ich es nie bereut, und wenn sich wieder eine Möglichkeit ergab, das schmackhafte Salzige mit dem noch schmackhafteren Süßen, Scharfen, Sauren oder gar Geschmacklosen zusammen in den Hals zu stopfen, tat ich es ohne zu zögern. Weiter„#FreeSentsov“

Katja Oskamp

Herr Hübner ist da

Unsere Autorin ist Schriftstellerin und nebenher Fußpflegerin in Marzahn. Vielen ist ein Besuch bei ihr peinlich, manche entschuldigen sich im Voraus. Und dann gibt’s noch die spezielle Laufkundschaft.

© Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Dieser Text ist Teil unserer Miniserie „Fußpflege in Marzahn“. Alle Folgen finden Sie hier.

Seit drei Jahren arbeite ich in Berlin-Marzahn als Fußpflegerin. Die meisten meiner etwa sechzig Kunden sind Stammkunden. Sie statten mir alle vier bis sieben Wochen einen Besuch ab. Im Lauf der Zeit habe ich diese Kunden kennengelernt, ihre Eigenheiten und Marotten, ihre Lebensgeschichten, ihre Schicksale. Ich mag sie, weiß sie zu nehmen und freue mich immer, sie nach einigen Wochen wohlbehalten wiederzusehen. Die Füße der Stammkunden sind dank regelmäßiger Pflege in gutem Zustand. Weiter„Herr Hübner ist da“