Die Ukraine ist wie kaum ein zweites Land in Europa politisch gespalten, doch in einer Angelegenheit sind sich die Menschen von den Karpaten bis zum Donezbecken ausnahmsweise einig. Ihre Fußball-Nationalmannschaft soll es bei der Weltmeisterschaft in Deutschland möglichst bis ins Finale schaffen. "Da haben wir uns zum ersten Mal überhaupt qualifiziert, schon fordern alle den Titel von uns", stöhnt Nationaltrainer Oleg Blochin, Europas Fußballer des Jahres 1975. Ganz unbegründet ist der Optimismus nicht. Auch Bundestrainer Jürgen Klinsmann traut der Truppe um Topstürmer Andrej Schewtschenko vom AC Mailand eine "echte Überraschung" zu.

In der Ukraine, die zu den ärmsten Ländern Europas zählt, gehört der Fußball für Millionen von Menschen zu den wenigen erfreulichen Momenten eines ansonsten grauen und beschwerlichen Lebens. Hohe Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven lasten auf dem Land zwischen Polen und Russland, dessen Bevölkerung nur zur Hälfte die politische Kehrtwende in Richtung Europa unterstützt. Die Trennlinie verläuft mitten durchs Land und damit auch durch die Fußballnation.

Im Zentrum jener Fraktion, die sich weiterhin an Russland orientiert und von der Schwerindustrie wie zu Sowjetzeiten träumt, steht der ostukrainische Spitzenclub Schachtjor Donezk. Der Verein gehört dem reichsten Mann des Landes, dem Großindustriellen Rinat Achmetow. Der Multi-Milliardär will zwischen Fördertürmen und Abraumhalden einen europäischen Top-Verein aufbauen.

Mitten im Stadtpark von Donezk entsteht für knapp 160 Millionen Euro eines der weltweit modernsten Fußballstadien mit Platz für 50 000 Zuschauer. Erklärtes Ziel ist die Einstufung als Fünf-Sterne- Stadion durch die UEFA, damit in Donezk in Zukunft auch die Finalspiele der europäischen Vereinswettbewerbe ausgetragen werden können. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das Orange der ukrainischen Revolution von Ende 2004, die den pro-westlichen Kurs einleitete, ausgerechnet die Vereinsfarbe von Schachtjor Donezk ist.

Hinter dem Fußball in der Ukraine steht seit Jahren auch immer die große Politik. Das musste selbst der fachlich unumstrittene Nationaltrainer Blochin schmerzhaft erfahren. Die neue politische Führung wollte Blochin ans Leder, der als Anhänger der alten Staatsmacht gilt und für sie in der Obersten Rada, dem Parlament, saß.

Zwei hohe Ämter, Abgeordneter und Nationaltrainer, seien laut Verfassung verboten, lautete der Vorwurf. Mitten in der Qualifikation erklärte ein sichtlich getroffener Blochin vor dem Parlament seinen Rücktritt vom Traineramt. Erst durch die Entscheidung eines Richters, der die Vereinbarkeit von politischem und sportlichem Amt bestätigte, konnte Blochin auf den Posten zurückgeholt werden.

Wer sich in den vergangenen Jahrzehnten zumindest ein wenig mit dem ukrainischen Fußball befasst hat, wird sich vor allem an Dynamo Kiew erinnern. In manchen Jahren stellte Dynamo fast die komplette sowjetische Auswahlmannschaft. Unter der Trainerlegende Waleri Lobanowski holten die Blau-Weißen 1975 und 1986 den Europapokal der Pokalsieger. Der Hauptstadtverein brachte die berühmtesten ukrainischen Fußballer hervor. Zuerst Blochin, dann Igor Belanow, der 1986 Europas Fußballer des Jahres wurde, und zuletzt Schewtschenko.