Der Erdstoß ereignete sich keine 24 Stunden nach dem schweren Erdbeben vor Samoa in der Südsee. Die US-Geologiebehörde gab die Stärke mit 7,9 an, die indonesische Erdbebenbehörde sprach von 7,6. Vize-Präsident Jusuf Kalla sagte am Mittwoch, die Rettungskräfte hätten bis zum Abend 75 Leichen geborgen. Dutzende Menschen wurden verletzt.

Die Behörden rechneten allerdings mit viel mehr Toten. Durch die Wucht der Erdstöße stürzten zahlreiche Gebäude ein, darunter das größte Krankenhaus in der besonders stark betroffenen Küstenstadt Padang. Am örtlichen Flughafen der 900.000-Einwohner-Stadt brach einem Fernsehbericht zufolge das Dach zusammen und begrub zahlreiche Reisende. "Die Lage ist schwer zu überblicken, weil es nun dunkel ist", sagte Kalla am Mittwochabend. Er stehe in direktem Kontakt mit dem Bürgermeister von Padang.

Gesundheitsminister Siti Fadilah Supari sagte das Beben sei eines der größten der vergangenen Jahre. Es sei ein großes Desaster, stärker als das Beben in Yogyakarta 2006 bei dem mehr als 3000 Menschen ums Leben kamen.

Das Epizentrum lag rund 50 Kilometer nordwestlich von Padang vor der Westküste von Sumatra. Die Erde bebte um 12.16 Uhr MESZ, schon 22 Minuten später gab es ein starkes Nachbeben.

Vor Sumatra ereignete sich auch das Beben im Weihnachten 2004, das den verheerenden Tsunami mit 230.000 Toten rund um den Indischen Ozean auslöste. Es ging mit der Stärke 9,2 als eines der schwersten Erdbeben aller Zeiten in die Geschichte ein. Erst am Dienstag hatte ein Tsunami Teile der Inselgruppe Samoa überflutet, mehr als 120 Menschen getötet und verheerende Schäden verursacht. "Bisher gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass beide Beben in Zusammenhang stehen", sagte Joachim Saul vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ).

Jähes Ende einer Einkaufstour: Nach einem Erdstoß von der Stärke 7,6 auf der Richterskala sammeln sich Einwohner der Stadt Medan in Nord-Sumatra vor einem Shoppingcenter.

Eine Flutwelle sei derzeit nicht zu erwarten. "Das Beben ereignete sich in mehr als 80 Kilometern Tiefe – zu tief, um einen Tsunami auszulösen," sagte der Geophysiker. In der Region kommt es häufiger zu Erdbeben, weil sich die Indische und die Australische Platte unter Sumatra verkeilen. "Wenn sie sich verhaken und wieder lösen oder Brüche in den Platten entstehen, bebt der Untergrund", erklärte Saul.

Der Erdbebenforscher stand gerade in der Schlange der GFZ-Kantine, als ihn die Nachricht vom zweiten schweren Beben innerhalb der vergangenen 24 Stunden auf dem Handy erreichte. "Ich habe das Essen stehen gelassen und bin sofort zurück an den Computer geeilt", sagte er.

Die Wissenschaftler in Potsdam erhalten die Erdbeben-Messungen aus Sumatra in Echtzeit – im Indischen Ozean misst seit 2005 ein Tsunami-Frühwarnsystem die Erschütterungen der Erde, an dessen Entwicklung das GFZ beteiligt war. "Zusätzlich erhalten wir die Daten von 500 Messstationen weltweit", sagte Saul. Vorhersagen lassen sich Erdbeben aber auch mit diesem Netzwerk nicht. "Wir können nur die seismischen Wellen messen, nachdem die Erde gebebt hat", erläuterte der Erdbebenforscher.

Der Erdstoß war auch in der Hauptstadt Jakarta zu spüren, ebenso in Singapur und Malaysia. Die Behörden in Indonesien, Malaysia, Indien und Thailand lösten nach Agenturberichten Tsunami-Warnung aus.