DIE ZEIT: Herr Jonas, Sie bieten seit fast zehn Jahren Zivilcourage-Trainings an. Wer nimmt daran teil und was lernen die Teilnehmer?

Kai Jonas: Die Bandbreite der Teilnehmer reicht von Schülern bis hin zu Rentnerinnen. Die meisten kommen, wenn wieder einmal etwas Spektakuläres passiert ist – rechtsradikale Übergriffe etwa oder Gewalttaten wie jetzt in München. Viele Teilnehmer haben dann die Vorstellung, es ginge nur um dramatische, blutige Situationen. Aber der Fokus des Trainings verlagert sich meist sehr schnell auf eher kleinere, alltägliche Probleme – etwa rassistische Äußerungen im Bekanntenkreis, Mobbing am Arbeitsplatz und ähnliches. Denn diese Situationen sind viel häufiger und auch dort ist Zivilcourage gefordert.

ZEIT: Welche Menschen zeigen sich besonders couragiert, welche weniger?

Jonas: Zunächst sagen sehr viele, dass sie in Notsituationen eingreifen würden. Tatsächlich tun es aber dann sehr wenige. Das gilt insbesondere für diejenigen unter uns, die immer überzeugt sind, dass sie alles richtig machen, die "professionellen Gutmenschen".

ZEIT: Woher weiß man, ob man dazu gehört?

Jonas: Um unsere Teilnehmer zu sensibilisieren, erzeugen wir in unseren Trainings anfangs eine künstliche Notsituation: Wir greifen einen Teilnehmer heraus und befragen ihn vor allen anderen, wir nehmen ihn regelrecht ins Kreuzverhör, ziemlich bohrend und unhöflich. Das ist für die Betreffenden eine sehr unangenehme Situation, sie werden hochrot, fangen an zu schwitzen. Was tun die anderen? Die meisten rutschen in ihren Stühlen zusammen, hören zu und tun nichts. Dann brechen wir die Situation ab und fragen: Was ist hier passiert?

ZEIT: Sie meinen: Eigentlich hätte einer der Anwesenden aufstehen und sagen müssen: So geht das doch nicht! So können Sie nicht mit uns reden.

 Jonas: Genau. Die anderen hätten erkennen können, dass hier eine Notsituation entstanden ist, in der man hätte intervenieren können. Das passiert aber nicht. Manchmal hacken die Leute noch zusätzlich auf das "Opfer" ein. Schon dieses kleine Rollenspiel zeigt, wie schwer es vielen von uns fällt, eine Notsituation als solche zu erkennen und einzuschreiten – selbst wenn man meint, beste Absichten zu haben.

ZEIT: Und wenn man nun aktiv werden will, aber nicht genau weiß, wie?

Jonas: Zunächst ist es wichtig, sich nicht auf den Täter zu fokussieren, nicht die Konfrontation noch zu erhöhen. Eher sollte man versuchen, das Opfer aus der Situation heraus zu bringen. Denn in der Vielzahl der Fälle ist man nicht in der Lage, das Aggressionspotenzial eines Täters richtig einzuschätzen. Gerade Männer zum Beispiel gehen oft eher konfrontativ vor, sie greifen körperlich ein. In Rollenspielen greifen wir das im Training auf, denn das ist in vielen Fällen die falsche Reaktion. Besser sind sogenannte "paradoxe Interventionen"...