Die deutsche Sprache erlaubt es bisweilen, Phrasen zu bilden, die sich einfach gegen eine Übersetzung in das Englische sperren. Roger Willemsens zum Bonmot gewordenes Urteil, bei dem Phänomen Heidi Klum handele es sich um "zum Maßstab humaner Seinserfüllung hochgerüstete Belanglosigkeit" ist zweifelsohne eine solches Konstrukt. Aber selbst wenn man eine kluge Übersetzung fände, würde man sich in Amerika angesichts von Willemsens Analyse doch arg am Kopf kratzen.

Die mitunter beißende Kritik, der sich Klum jüngst in ihrer Heimat ausgesetzt sieht, wäre für das amerikanische Publikum, wüsste es davon, gänzlich unverständlich. Die meisten Amerikaner sind ungebrochen verliebt in Heidi Klum. Zum Start der neuen Staffel im Herbst schalteten 4,2 Millionen Zuschauer ein – absoluter Quotenrekord für den Kabelsender Lifetime. "Sie verzaubert die Leute", sagte jüngst Klums Jury-Kollege bei der Casting Show Project Runway, Michael Kors. Den Vorwurf der totalen Oberflächlichkeit, gepaart mit kaltem Geschäftskalkül und an Sadismus grenzender Härte, welchen sich die Protagonistin von Germany’s Next Topmodel hierzulande gleichermaßen von Wolfgang Joop und Alice Schwarzer gefallen lassen muss, würden die meisten Amerikaner für boshaft und ungerecht halten.

Beinahe scheint es so, als habe Heidi Klum genau an jenem Punkt ihrer Karriere endgültig Amerika erobert, an dem sie die Deutschen befremdet. Bis vor wenigen Jahren war das Supermodel, das sich auf den Laufstegen von Hollywood, New York und dem Rest der Welt durchgesetzt hat ohne dabei seine Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit einzubüßen, so etwas die Repräsentantin der Nation im globalen Glamour Business. Klum war die Nationalmannschaft im Modeling. Seit sie sich zur selbstbewussten globalen Ein-Frau-Marke mit einem ständig expandierenden Werbe- und Medienimperium gemausert hat, wird sie den Deutschen jedoch zunehmend unsympathisch.

Die Kritik in Deutschland in den vergangenen Monaten entzündete sich vor allem an der vermeintlichen Kälte und Arroganz, mit der Klum die Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel abzukanzeln pflegt. In der US-Kultserie Project Runway spielt sie eine ähnliche Rolle. Statt Models bewertet sie dort zwar Nachwuchsmodedesigner und entscheidet gemeinsam mit dem Modeprofessor Tim Gunn darüber, wer in der Branche eine Karriere macht und wer nicht. Das Prinzip ist jedoch das Gleiche: Nach dem Vorbild der erfolgreichen Donald Trump-Show The Apprentice unterzieht eine, die es geschafft hat, den Nachfolgenden einer Feuertaufe. Dabei sollen die Kandidaten mit aller Härte vorgeführt bekommen, was sie brauchen, um in der harten Wirklichkeit zu überleben. Letztlich ist das aber nur zu ihrem Besten.

Klum verkörpert diese Rolle mindestens genauso glaubwürdig wie der Self-Made-Man Trump. "Sie hat diesen ansteckenden ‚Can do‘-Geist‘," wird sie von der Promi-Zeitschrift In-Style gelobt, "diese Einstellung, niemals Nein als Antwort zu akzeptieren". Ihr Lebenslauf untermauert diese Ideologie – Heidi Klum ist die Bekräftigung des klassischen amerikanischen Unternehmergeistes, des Glaubens daran, dass alles möglich ist, wenn man nur will.

Klum kam 1995 nach New York und lebte mit zwei anderen Models in einer heruntergekommenen Wohnung. Unverzagt bot sie sich den Agenturen an, arbeitete Tag und Nacht und war sich auch für zweitrangige Katalog-Aufnahmen nicht zu schade. Wenn ihre Kolleginnen auf Partys gingen, blieb sie zuhause, damit sie morgens für den Überlebenskampf im Mode-Business wieder frisch war.

Als sie zum Casting beim Reizwäsche-Riesen Victoria Secret eingeladen wurde, riet ihr Agent ihr zunächst ab. Dafür sei sie nicht gut genug, bekam sie gesagt. Sie ging trotzdem und der Victoria Secret-Vertrag wurde zum Sprungbrett für ihre Weltkarriere. Gerade erst hat sie trotz ihrer 35 Jahre mit dem Wäschehaus einen neuen Vertrag über 3,8 Millionen Dollar unterschrieben.

Die Geschichte der Einwanderin mit dem großen Traum und dem Willen, alles dafür zu tun, ist so recht nach dem Geschmack des US-Publikums. Ebenso das, was sie heute darstellt. Ihre Werbeverträge sollen ihr rund 14 Millionen Dollar im Jahr bringen. An der Runway Serie ist sie als Partner beteiligt, nebenbei hat sie ihre eigene Kosmetiklinie. Ihre Zukunft nach der Model-Karriere hat sie gesichert, auch wenn Victoria Secret sie trotz vier Schwangerschaften noch immer bedenkenlos in Unterwäsche auf den Laufsteg schickt.

Nebenbei zieht Klum mit offensichtlich großem Vergnügen ihre vier Kinder groß, die sie mit dem schwarzen Soul-Sänger Seal hat. Alle das fügt sich zu einem perfekten Bild der modernen amerikanischen Frau zusammen: Im Beruf erfolgreich, glückliche Mutter und zudem noch liberal und kosmopolitisch – eine Vorzeigefrau für das Obama-Amerika. Die Toughness, die Klum in ihren Casting-Shows vermittelt und die zu all dem gehört, trübt dieses Bild nicht im Geringsten. Im Gegenteil – sie wird vorbehaltlos  als Tugend gesehen. Auch das macht den Erfolg von Project Runway aus.

Eine Diskussion über die wachsende Belanglosigkeit des Fernsehens und der Pop-Kultur insgesamt gibt es natürlich in den USA ebenso wie in Deutschland. Aber die entzündet sich hier nicht unbedingt an Heidi Klum. Da gibt es wesentlich Schlimmere.