National wie international wollen viele Menschen den  Erdbebenopfern in Haiti helfen. Nur manche meinen es scheinbar zu gut mit ihrer Hilfe, wie das Beispiel Adoption zeigt. Die Bundeszentralstelle für Auslandsadoption, ein Referat im Bundesamt für Justiz, schreibt in einer aktuellen Erklärung von "zahlreichen Angeboten besorgter Bürger, die ein Kind aus Haiti adoptieren oder zur Pflege aufnehmen möchten". Damit steht die Zentralstelle nicht alleine da, auch Kinderhilfswerke wie terre des hommes oder Plan verzeichnen eine gestiegene Nachfrage. Die auf Haiti spezialisierte Vermittlungsstelle help a child registriert gar "das Zehnfache des Normalen" an Adoptionswünschen, wie der Sprecher der Organisation Rolf Behrentin schätzt.

Das klingt zunächst einmal gut – und logisch: Hilfsbedürftigen Menschen muss geholfen werden. Und dass die Erdbebenopfer von Haiti, allen voran die Kinder, hilfsbedürftig sind, steht außer Frage. Dennoch ist das adoptive Engagement der Deutschen auf den zweiten Blick nicht positiv zu bewerten. Es ist nicht geeignet zur humanitären Soforthilfe.

In einem Statement der Non-Profit-Organisation International Social Service (ISS) heißt es, dass Adoptionen im Allgemeinen nicht infolge von Kriegen oder Naturkatastrophen durchgeführt werden sollten, da diese Situationen es unmöglich machen würden, persönliche und familiäre Situationen von Kindern nachzuprüfen. Das heißt im Klartext: Ob ein Kind Waise ist oder nicht, lässt sich noch nicht genau feststellen, da es möglicherweise noch überlebende Verwandte gibt. Genau diese spontanen Adoptionen jedoch, vor denen ISS warnt, finden derzeit scheinbar Gefallen unter den hilfswilligen Eltern der westlichen Welt.

"Viele glauben, dass jetzt dringend Eltern in Haiti gebraucht werden", bestätigt Behrentin, "aber das lässt sich derzeit nicht mit Gewissheit sagen." Auch er verweist auf die nach wie vor unklaren Familienverhältnisse. Deswegen werden von seiner Organisation auch keine neuen Adoptionsverfahren für haitianische Kinder mehr in die Wege geleitet. Lediglich diejenigen Verfahren, die bereits vor dem Erdbeben begonnen hatten, werden zu Ende gebracht. "Wie es danach mit Adoptionen aussieht, wissen wir nicht, da die Behördenstruktur in Haiti komplett zerstört wurde."

Dass ein Adoptionsverfahren eine schnelle Lösung für etwaige Waisenkinder in Haiti sein kann, ist ohnehin ein Trugschluss, wie Martina Rethmeyer, Vorsitzende der Adoptionsvermittlungsstelle Eltern für Kinder, sagt. Im Regelfall dauere eine Adoption mindestens zwei bis drei Jahre. "Das ist keine Hau-Ruck-Geschichte! Sondern das geht ordentlich und seriös vonstatten."
Zunächst findet ein Informationstreffen mit dem Verein statt, es folgen Gespräche mit Beratungseltern, Psychologen und dem Jugendamt mit Berichten über die Eignung der Bewerber. Zusätzlich gibt es Seminare zum Thema Auslandsadoption von karitativen Organisationen, den Jugendämtern und freiberuflichen Psychologen. Nach dem Abschlussgespräch erst entscheidet man sich für ein Land. "In der Regel geht ein Jahr ins Land, bis die Bewerber das Verfahren durchlaufen haben und zum Abschlussgespräch kommen", sagt Rethmeyer. Danach dauert es noch mal zwei bis drei Jahre. Satt Aktionismus wie Adoption könne man den haitianischen Kindern viel besser mit Spenden helfen, sagt sie: "Spenden sind das A und O."

Auch das Kinderhilfswerk terre des hommes stimmt dem zu. "Adoption ist eine Entscheidung fürs Leben", betont deren Referentin Maria Holz. "Wir glauben nicht, dass es gut ist, jetzt Adoptionsverfahren schnell einzuleiten, um möglichst rasch zu vermitteln. Die Kinder aus ihrem kulturellen Kontext in Haiti herauslösen zu wollen ist nicht der richtige Weg." Der vorrangige Ansatz der Organisation sei es daher, Einrichtungen vor Ort zu schaffen, die die Kinder besser versorgen, in erster Linie mit Trinkwasser, Essen und Medizin. Dass die Bundesregierung beschlossen hat, für Kinder, deren Adoptionsverfahren bereits abgeschlossen ist, die Ausreise schnell zu ermöglichen, hält Holz für sinnvoll, differenziert aber: "Das ist aber auch etwas anderes. Bei der großen Zahl von hilfsbedürftigen Kindern in Port-au-Prince, das sind ja Hunderttausende, ist es praktisch gar nicht möglich, ihnen allen zu helfen, indem man sie zur Adoption zu vermitteln versucht." Stattdessen rät auch terre des hommes: Wer helfen will, soll spenden. 

Auch Antje Schröder vom Kinderhilfswerk Plan in Hamburg hält die gestiegene Adoptionsnachfrage für "keine geeignete Lösung". Zwar habe sie Respekt "vor diesem Mitgefühl und dem Engagement der Menschen, die helfen wollen. Aber wir versuchen auch zu erklären, dass, wenn wir Haiti eine Zukunft geben wollen, es dafür auch Kinder und Jugendliche braucht."
Statt einer Adoption rät Plan zu einer Patenschaft. "Das ist Hilfe zur Selbsthilfe für die Haitianer und letztlich nachhaltiger als eine Adoption."