Die gute Nachricht gleich vorweg: Trotz gegenteiliger Meldungen findet – "Daisy" hin, "Daisy" her – der Weltuntergang findet wohl auch an diesem Wochenende nicht statt. War die Berichterstattung, die schon fast eine neue Apokalypse heraufbeschworen hatte, völlig übertrieben. Immerhin hatte sogar das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe den Bürgern geraten, sich mit Lebensmitteln, Kerzen, Medikamenten und Trinkwasser einzudecken sowie unnötige Autofahrten und Besuche im Freien an diesem Wochenende zu vermeiden. Auch das Technische Hilfswerk und die Deutsche Bahn hatten sich bereits auf einen Großeinsatz vorbereitet.

Der Meteorologe Martin Jonas vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach, in dessen Zuständigkeitsbereich unter anderem auch die amtlichen Unwetterwarnungen für Deutschland fallen, schätzt die Lage folgendermaßen ein: "Ja, Deutschland befindet sich derzeit in einer speziellen, aber nicht ungewöhnlichen Wetterlage – und nein, es besteht kein Grund zur Panik."

Deutschland liegt derzeit zwischen dem großen Tiefdruckgebiet "Daisy" im Süden und dem Hochdruckgebiet "Bob" im Norden Europas. "Die entgegen dem Uhrzeigersinn drehenden Luftmassen 'Daisys' transportieren warme und mit viel Feuchtigkeit beladene Luftmassen aus dem Mittelmeer nach Norden", sagt Jonas. "Bob" sendet uns kalte Luftmassen aus arktischen Breiten, die sich bodennah weit nach Süden ausbreiten und Deutschland fest im Griff haben. "Die eingeflossene Kaltluft erstreckt sich keilförmig von Nord nach Süd und dünnt nach Süden aus." Aufgrund ihrer höheren Dichte ist die kalte Luft sehr ortsstabil und lässt sich von der wärmeren Luft nicht einfach wegblasen. Im Gegenteil: "Die kalte Luft liegt schwer am Boden und die von Süden herangeführte Warmluft steigt entlang der nach Norden immer mächtiger werdenden Kaltfront auf. Die Feuchte kondensiert und es kann weiträumig schneien", sagt Jonas. "Das Spezielle an der Wetterlage dieses Wochenendes ist, dass die warme Luft entlang einer ungewöhnlich großen Fläche auf breiter Front aufsteigt und sowohl 'Daisy' als auch 'Bob' recht ortsstabil sind."

Mit im Mittel 10 bis 20 Zentimetern Neuschnee am Samstag erwarten die Meteorologen insgesamt keine extremen Schneefälle. Kopfzerbrechen macht den Offenbachern eher der Wind, der besonders an der Küste und in den Bergen leicht Sturmstärke erreichen kann. Die Kombination aus bereits liegendem Schnee, Neuschnee und stürmischen Böen von 70 bis 100 Stundenkilometern aus nordöstlicher Richtung, werde den Verkehr stark behindern und könne zudem zu Schneeverwehungen führen.

"Mit der so genannten Vb-Wetterlage haben wir derzeit aber keine untypischen Wetterverhältnisse für Mitteleuropa", ergänzt Jonas. Die Klassifikation der Wetterlage als so genannte Vb-Lage geht auf den deutschen Meteorologen W.J. van Bebber zurück, der Anfang des letzten Jahrhunderts versuchte, Tiefdruckgebiete anhand ihrer Zugbahnen zu klassifizieren. "Typisch für eine Vb-Wetterlage ist, dass ein mit viel Feuchtigkeit beladenes Tief aus dem Mittelmeer ostwärts abzieht und dann östlich der Alpen nach Norden eindreht", erklärt Jonas. 

Alles also mal wieder viel Lärm um Nichts? Ein Blick in die Vergangenheit lässt ahnen, woher die dramatischen Befürchtungen kommen. Herrschten doch bei den letzten großen Flutkatastrophen in Europa, der Oderflut 1997, dem Elbe-Hochwasser 2002 und dem Alpenhochwasser 2005, stets Vb-Wetterlagen vor. Müssen wir uns nun doch auf ein Sturm- und Schneechaos einstellen? Jonas sieht die Lage eher pragmatisch: "Machen wir es wie die Menschen an der Küste und ziehen uns bei Kälte und Sturm dickere und winddichte Jacken an. Absehbar ist, dass es in Deutschland starken Wind und Schneefälle geben wird. Alles weitere ist Spekulation."