Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist mit 1,5 Promille Alkohol im Blut von der Polizei erwischt worden. Na und? Passiert das nicht vielen  Menschen? Sie hat bei Rot eine Ampel überfahren. Was ist schon dabei? Wer ist im Straßenverkehr schon frei von Sünde? Muss deshalb gleich so ein Wirbel veranstaltet werden jetzt im Fall der streitbaren Bischöfin?

Margot Käßmann wird ja die Konsequenzen ihrer Trunkenheitsfahrt ohnehin zu spüren bekommen: Sie wird ihren Führerschein für längere Zeit verlieren, sie wird sieben Punkte in Flensburg anhäufen und sie wird eine saftige Geldstrafe zu zahlen haben. Muss man ihr also gleich noch die Eignung als EKD-Vorsitzende absprechen?

Ja, leider muss man das.

Leider, weil Margot Käßmann eine hervorragende Ratsvorsitzende ist. Sie hat dieses Amt mit einer spirituellen Kraft und moralischen Instanz gefüllt wie kaum einer ihrer vielen männlichen Vorgänger. Sie mischt sich ein, sie spricht eine klare Sprache, sie kritisiert die Unmenschlichkeit des Afghanistan-Kriegs. Zugleich kennt sie aus eigener Erfahrung die Biegungen und Wirrungen, die das Leben manchmal geht. Keiner hat das höchste Amt der Evangelischen Kirche menschlicher und authentischer ausgefüllt als Margot Käßmann. Ihr Rückzug wäre ein schwerer Verlust für die Kirche und für die Gesellschaft.

Und doch ist er unausweichlich. Denn Margot Käßmann hat kein Kavaliersdelikt begangen, auch wenn Trunkenheit am Steuer in Deutschland gern so gesehen wird. "Ein Gläschen in Ehren ..." – so überschreibt beispielsweise Stern.de seinen aktuellen Kommentar zum Fall Käßmann, in dem gegen einen Rücktritt argumentiert wird. Doch genau das ist das Problem: Nichts ist ehrenhaft daran, vier oder wie viele Gläschen zu kippen und sich anschließend hinters Steuer zu setzen. Eine Straftat wird nicht besser, bloß weil es von vielen als harmlos empfunden wird.

Wer betrunken Auto fährt, handelt gewissenlos, ja menschenverachtend. Er setzt, ganz gleich, ob er das im Nebel des Rauschs noch begreift, Menschenleben aufs Spiel. Und dabei ist es völlig gleichgültig, ob am Ende gar nichts passiert oder nur eine rote Ampel überfahren wurde. Wer mit 1,5 Promille ein Auto steuert, hat nichts mehr im Griff. Er gilt als absolut fahruntüchtig. Jeder Fußgänger, der zufällig seinen Weg kreuzt, ist in Lebensgefahr. 428 Menschen starben 2008 bei "Alkoholunfällen" im Straßenverkehr. 428 zu viel.

Auch Vorbilder dürfen Fehler machen, heißt es. Sie sind auch nur Menschen. Das stimmt. Und wenn Käßmann betrunken in einer Bar ertappt worden wäre, würde man sich möglicherweise etwas wundern, aber doch auch das Menschliche des Würdenträgers insgeheim begrüßen.

Im Fall von Trunkenheit am Steuer ist das anders. Muss es anders sein. Wer betrunken Auto fährt, verliert seine Vorbildfunktion. Das gilt für Väter, Sportler, Popstars. Und das gilt ganz besonders für Menschen, die ein Amt mit hoher moralischer Strahlkraft innehaben. Ein Politiker, beispielsweise – oder eine EKD-Vorsitzende.

Der Ratsvorsitz der EKD ist nicht einfach nur ein Kirchenamt. Margot Käßmann spricht nicht nur für 25 Millionen Protestanten. Sie spricht für die Gesellschaft. Sie will nicht nur nach innen, sondern auch nach außen wirken. Diesen Anspruch erhebt sie.

Deshalb wird Margot Käßmann ihr Amt nach diesem Vorfall nicht mehr unbeschadet ausüben können. Nicht nur würden sie ihre zahlreichen Kritiker auf ewig damit konfrontieren. Sie verlöre ihre bislang größte Stärke: mit der Macht der Moral zu sprechen. Und sie verlöre ihre Glaubwürdigkeit – denn 2007 hat sie in einem Interview Menschen, die sich betrunken ans Steuer setzen, "mangelndes Verantwortungsbewusstsein" attestiert.

Man mag beklagen, wie Käßmann von ihren Kritikern behandelt wurde, seitdem sie im Oktober zur EKD-Vorsitzenden gewählt wurde. Man mag widerlich finden, welche Kampagne einige Medien, allen voran die Bild-Zeitung, gegen sie fuhren und es jetzt natürlich wieder tun. Doch an der Trunkenheitsfahrt trägt Margot Käßmann allein die Schuld. Sie allein muss die Verantwortung dafür übernehmen.