Als "Pythia vom Bodensee" wurde Elisabeth Noelle-Neumann bezeichnet – denn Allensbach liegt am Bodensee. Dort gründete sie zusammen mit ihrem Mann Erich Peter Neumann im Jahr 1947 das bekannteste Meinungsforschungsinstitut in Deutschland. Einen besonderen Namen machte sich das Institut in Allensbach in der politischen Meinungsforschung und bei Wahlprognosen.

Jetzt ist die Gründerin des Instituts gestorben. Sie sei am Mittag in ihrem Haus in Allensbach eingeschlafen, sagte ein Sprecher des Unternehmens. An der Arbeit des Instituts ändere ihr Tod nichts, sagte er weiter. Die Gründerin lebte schon seit etlichen Jahren sehr zurückgezogen und hatte bereits 1988 ihre langjährige Mitarbeiterin Renate Köcher in die Geschäftsführung aufgenommen.

Geboren wurde Noelle-Neumann 1916 in Berlin. Sie studierte ab 1935 Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaft und Amerikanistik. Nach einem USA-Aufenthalt promovierte sie 1940 mit der Arbeit "Meinung- und Massenforschung in USA" bei Emil Dovifat, einem der Begründer der deutschen Publizistikwissenschaft. Während des Nationalsozialismus arbeitete sie als Zeitungsredakteurin für verschiedene Blätter. Sie schrieb unter anderem für das NS-Propagandablatt Das Reich, für das Propagandaminister Joseph Goebbels regelmäßig den Leitartikel verfasste. Auch ihre Dissertation enthält antisemitisch gefärbte Aussagen.

Im Jahr 1964 wurde sie als Professorin an die Universität Mainz berufen. Dort baute sie das Institut für Publizistik auf. Zu ihren Schülern gehören die Professoren Wolfgang Donsbach, Hans Mathias Kepplinger, Klaus Schönbach, Winfried Schulz und Jürgen Wilke. Regelmäßig veröffentlichte sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Beiträge zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen.

Mit ihren Forschungen über die öffentliche Meinung hat sich Noelle-Neumann international einen Namen gemacht – vor allem durch ihre Theorie der Schweigespirale. "Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen", schrieb Noelle-Neumann. So entstünden verzerrte Mehrheits- und Stärkeverhältnisse in öffentlichen Debatten oder bei Wahlen, da sich eine schweigende Minder- oder gar Mehrheit einer vermeintlichen Mehrheitsmeinung (oft die der links-liberalen Medien) anpasse, aus der Furcht heraus, isoliert zu werden.

Über die in den siebziger Jahren aufgestellte Theorie wurde vor allem in Deutschland kontrovers diskutiert. Nina Grunenberg schrieb 1999 anlässlich Noelle-Neumanns 80. Geburtstag in der ZEIT: "Besonders stolz ist sie auf ihre (...) Schweigespirale, in der sie Einschüchterung als Teil der öffentlichen Meinung interpretiert. Ihre Widersacher verreißen diese Theorie als mehr Demagogie als Demokratie, aber je umstrittener ihre Meinungen sind, desto mehr scheint sie die Auseinandersetzung zu genießen. Sich mit Schwung gegen den Zeitgeist zu stellen ist eine Leidenschaft, der sie auch im Alter von 83 Jahren noch mit großer Entschiedenheit frönt – unbeirrt, umtriebig, rastlos, atemlos, emphatisch, anstrengend, unverbesserlich: So beherrscht sie das Feld der Meinungs- und Wählerforschung seit fast 50 Jahren."

Für ihre Arbeit wurde Noelle-Neumann mit mehreren Preisen geehrt. Zuletzt erhielt sie 1999 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis. Im Jahr 1976 wurde ihr das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Ein Jahr später wurde sie Ehrenbürgerin von Allensbach.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte die Demoskopin als "Wegbereiterin der modernen Meinungsforschung und überzeugende Stimme in der öffentlichen Debatte in Deutschland". Der Leiter der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, nannte sie ungeachtet methodischer Differenzen zu Allensbach eine der "ganz Großen ihres Fachs in Deutschland und in der westlichen Welt".