In der U8 Richtung Kreuzberg riecht es nach Bier. Eine Menge junge Menschen sind am Alexanderplatz zugestiegen. "Berlin ist so irre kompliziert, müssen wir zum Hermannplatz?" fragt einer. An der Kontrolllinie auf dem Kottbusser Damm, wo die Teilnehmer der "Revolutionären 1. Mai-Demo" ihre Glasflaschen abgeben müssen und der Demonstrationszug startet, diskutieren zwei Mädchen über die Wehrmachtausstellung und Spätwirkungen von Kriegsverbrechen im Allgemeinen.

Als sie ihr Bier ausgetrunken haben, dürfen sie weitergehen. Von einem Lautsprecherwagen herab sagt jemand: "Auch wenn wir uns sonst nicht leiden können, gegen die Neonazis müssen wir zusammenstehen". Vor einer Sportsbar spielen alte Männer unbeeindruckt Backgammon und rauchen Jin Ling-Zigaretten. Eine Studentin flucht über "die Arschlöcher", die den Einkaufskorb ihres Fahrrades zugemüllt haben.

Kaum jemand auf dieser Demo wirkt älter als 30 Jahre. Die Route führt in diesem Jahr zum Hermannplatz und zurück durch den Reuterkiez zum Spreewaldplatz. Der galt vor vier Jahren noch als Problemviertel der Republik, die Rütli-Schule liegt gleich um die Ecke. Mittlerweile wird mehr über den Zuzug von Bessergestellten diskutiert, der steigende Mietpreise zur Folge hat. Gentrifizierung nennt die Linke diese Dynamik, auch wenn das heute niemand so sagt. "Gegen Verdrängung" steht stattdessen auf Plakaten oder gleich: "Klassenkampf statt Standortlogik".

Eine Querstraße gibt plötzlich den Blick frei auf Polizeikolonnen, die behelmt und mit Schlagstöcken einen Block weiter parallel zur Demo marschieren. Da werden die ersten nervös. "Fuck the police!", ruft jemand. Die Sicherheitsverantwortlichen wollen in diesem Jahr alles richtig machen. Vor einem dunklen Van verstauen Zivilbeamte noch schnell Tränengasflaschen in ihren schwarzen Kapuzenjacken, ein Videokommando der Polizei filmt von einem Hausdach.

Der Demonstrationszug ist am Ziel. Die Musik vor den Cafés auf der Wiener Straße brüllt los. Gleich entscheidet sich, wie die Nacht in Kreuzberg ausgeht. Irgendwo kracht ein Böller, Jubeln und Pfeifen sind zu hören, die Polizisten straffen die Schultern. Ein Ortskundiger klärt einen Zugereisten auf: "Das war jetzt schon eine Aktion".

Polizisten laufen in Zweierreihen über den Lausitzer Platz, zehn Autonome folgen mit ein paar Metern Abstand. Einer muss sich noch schnell umziehen, die beigefarbene Jacke wandert in den Rucksack, der schwarze Kapuzenpulli muss her. Ein vielleicht 15-Jähriger zieht sich ein Halstuch vors Gesicht, zwei Mädels schmieden Pläne, die Polizei zu beklauen: "Deren Videokamera ist viel cooler als meine. Aber die haben so viele Kumpels".

Es ist ein seltsames Spiel, das sie hier jedes Jahr spielen. Viele Tausend wollen zuerst demonstrieren für eine friedliche, gerechte Gesellschaft und danach die Mainacht feiern. Ein paar Dutzend wollen Krawalle anzetteln. Die Polizisten haben die Aufgabe, die Randalierer ausfindig zu machen und dabei die Tanzenden nicht zu stören. Das ist nicht leicht mit hunderten Einsatzfahrzeugen und den schweren Kampfanzügen.

Vieles, was die Polizisten tun und sagen, wirkt willkürlich. Warum muss die Kolonne ausgerechnet dort entlang, wo das Pärchen sich auf der Straße niedergelassen hat? Wieder Geschrei und Buhrufe, wieder droht die Stimmung zu kippen. Wenn die Masse angesteckt wird, könnte es Straßenschlachten wie im vorigen Jahr geben.