Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) sieht durch Kruzifixe in Klassenzimmern kein Grundrecht verletzt. Die Große Kammer des Straßburger Gerichts korrigierte damit eine Entscheidung vom November 2009, die das Kruzifix an staatlichen Schulen in Italien als Verstoß gegen die Grundrechte auf Religions- und Gewissensfreiheit sowie auf Ausbildung eingestuft hatte. Ausgangspunkt war die Klage einer italienischen Mutter und ihrer beiden Söhne, die nicht religiös erzogen wurden und sich durch die Kruzifixe ausgeschlossen fühlten.

In Italien zog die Familie vergeblich durch alle Instanzen – bis vor den Verfassungsgerichtshof. Nach der Entscheidung einer kleinen Kammer des Straßburger Gerichts im November 2009, die den Klägern Recht gab, beantragte Italien die Überprüfung durch die 17 Richter der Großen Kammer. Die italienische Regierung argumentierte, das Kreuz sei in dem katholisch geprägten Land ein "volkstümliches Symbol". Das Urteil der Großen Kammer ist endgültig und kann nicht mehr angefochten werden.

In Deutschland wird seit mehr als 25 Jahren über Kruzifixe in Klassenzimmern gestritten. Entbrannt war die Diskussion 1985 in Bayern. Ein Familienvater aus der Oberpfalz hatte damals Beschwerde gegen Kreuze in den Unterrichtsräumen seiner Kinder eingelegt.

Recht bekam er erst zehn Jahre später: 1995 urteilte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das Anbringen von Kreuzen in staatlichen Schulen verstoße gegen die im Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit. Damit erklärten die Richter einen Passus der bayerischen Schulordnung für verfassungswidrig, nach dem in den Klassenzimmern des Freistaates ein Kreuz hängen muss.

Die bayerische Staatsregierung ergänzte diesen Absatz wenig später um eine "Widerspruchsklausel": Bringen Eltern oder Lehrer "ernsthafte Gründe" gegen das Kreuz im Klassenzimmer vor, muss es abgenommen werden. Andernfalls bleibt es hängen. Das Karlsruher Urteil löste bundesweit eine Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche aus. 25.000 Katholiken demonstrierten gegen das Urteil.

Sechs Jahre später gab der Bayerische Verfassungsgerichtshof dem Begehren eines Lehrers statt, das Kruzifix aus seinen Unterrichtsräumen zu entfernen. Im November 2010 erzeugte ein abgehängtes Kruzifix in Bayern neuen Streit. Ein Vater hatte beantragt, das Kreuz im Klassenzimmer eines Regensburger Gymnasiums von der Wand zu nehmen. Aus dem bayerischen Kultusministerium hieß es damals, ob ein Kreuz abgenommen werde, liege im Ermessen des Schulleiters.