Irgendwann mitten in den hitzigen Debatte über die Integration von Migranten in Deutschland, fragte ich mich: "Cigdem, bist du eigentlich integriert?"

Nein, das bin ich nicht. Ich weigere mich nämlich, mich in Deutschland zu integrieren.

"Wie, du bist keine Deutsche?"

Ähm, nein, ich besitze nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, noch nicht zumindest. Schließe ich mich deswegen von der Gesellschaft aus? Bin ich aus diesem Grund eine nicht integrierte Türkin? Ich lege keinen besonderen Wert auf Nationalität, denn staatliche Formulare und ein offizieller Status bestimmen noch lange nicht die Denkweise und die Lebensvorstellungen einer Person. Obwohl ich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, die nur einige Antragsschritte von mir entfernt ist, stehe ich hinter den deutschen Werten und Normen und fühle mich in Deutschland zu Hause, weil es mein Zuhause ist.

Ergo: eine Staatsangehörigkeit sagt nichts über mich aus.

"Übersetzen Sie das bitte für Ihre Eltern!"

Es mag sein, dass meine Eltern, die seit vierzig und seit fünfundzwanzig Jahren in Deutschland leben, nicht den Unterschied zwischen einem Haupt- und einem Nebensatz kennen oder Verben meistens falsch oder gar nicht konjugieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sich nicht mit ihren Nachbarn verständigen könnten, dass sie in Behörden aufgeschmissen sind oder gar, dass sie nach all den Jahren einen Integrationskurs besuchen müssten, damit sie in dieser Gesellschaft willkommen sind oder damit sie sich als integriert bezeichnen dürfen.

Wahrscheinlich waren meine Eltern eher damit beschäftigt, in einem ihnen fremden Land mit einer fremden Kultur und Sprache zu arbeiten, den Alltag zu meistern und nebenbei drei Kinder großzuziehen, sie in ihrer Bildung zu unterstützen und sie zu kritischen und vernünftigen Menschen zu erziehen, die einen Beitrag zur deutschen Gesellschaft leisten werden, als sich mit den vier Fällen der Deklination von Nomen zu beschäftigen.

Ich akzeptiere die Sprachfehler meiner Eltern und bewundere sie dafür, dass sie mir in ihrem gebrochenen Deutsch abends vorgelesen haben, damit ich später den Deutsch-Leistungskurs wählen konnte.

Die deutsche Tragödie ist mein persönliches Drama

Wahrscheinlich zeigt diese Einstellung, dass ich mich nicht integrieren will. Wenn es so ist, dann ist es eben so: Ich integriere mich nicht. Weshalb sollte ich mich in eine Gesellschaft integrieren, der ich schon seit meiner Geburt angehöre und in der ich mein ganzes Leben hier verbracht habe?

Es ist eine Tragödie für die deutsche Gesellschaft, dass mir immer wieder ein Bild vor die Nase gehalten wird und mit den Worten darauf gezeigt wird "Das bist du!" Und auf dem Bild ist mal eine Fremde, eine Ausländerin oder Migrantin und mal eine integrierte Türkin oder Deutsch-Türkin oder Deutsche zu sehen, immer nur in Buchstaben, ohne mein eigenes Bild.

Ich würde mir wünschen, dass statt einer gezwungenen Integration, gegen die ich mich weigere, eine Pluralität auf der Basis von universellen Werten propagiert wird.

Natürlich sollen gesellschaftliche Probleme, die bei Menschen mit einem Migrationshintergrund eben andere sind als bei Deutschen, die bereits seit fünf Generationen hier leben, aufgezeigt, thematisiert und bearbeitet werden. Was Deutschland braucht, ist nicht Integration, sondern Aufklärung im Islam, Lösungen bei kulturell und persönlich bedingten Problemen wie Ehrenmorden oder Zwangsheirat, mehr Arbeitsplätze und die Bereitschaft, in die Bildung zu investieren. Aber das sind lediglich Vorschläge einer Türkin aus Ostanatolien, die sich weigert, sich in Deutschland zu integrieren.