Julia und Aaron* warten. Hier auf der türkischen Seite der Grenze gibt es kaum etwas anderes zu tun, während drüben in Syrien die Armee in Städte einmarschiert , um die Proteste im Land zu ersticken. Sie warten auf Nachrichten von der anderen Seite. Die kommen via Twitter, per Fernsehbericht auf Al Jazeera oder in Propagandaform im syrischen Staatsfernsehen.

Vor ein paar Wochen waren sie noch auf der anderen Seite, in ihrer Wohnung in Damaskus, Julia, die Deutsche, und Aaron, der Syrer. Nun sitzt das Paar im ersten Stock eines Häuschens in Harbiye, sie sind bei türkischen Freunden untergekommen. Ausgerechnet in einem Dorf, in dem fast nur alawitische Assad-Unterstützer leben. Unten lärmt die Großmutter der befreundeten Familie in der Küche, die Söhne arbeiten ein paar Meter weiter im Restaurant.

"Manchmal können wir immer noch nicht glauben was gerade in Syrien passiert", sagt Julia. "Wir freuen uns über die vielen Videos, auf denen wir Menschen friedlich demonstrieren sehen, und dass es das Regime trotz der unfassbaren Gewalt gegen Demonstranten bisher nicht geschafft hat auch nur ein einziges Video von bewaffneten Protesten zu präsentieren", sagt sie. Doch da sind auch die anderen Videos, die, in denen die Demonstranten von Sicherheitskräften und Militär verprügelt und erschossen werden. "Das Problem ist, dass ich nie weiß, was morgen passiert", sagt Aaron.

Das Leben von Julia und Aaron in Damaskus hatte gerade erst angefangen: Julia kam nach ihrem Politikstudium nach Syrien, um ihr Arabisch zu verbessern, lernte Aaron kennen – und blieb. Eigentlich wollte sie Deutsch unterrichten, aber dann begannen die Aufstände. Ihre besorgte Familie überredete sie schließlich dazu, das Land zu verlassen.

In Deutschland begann das Warten. Auf Nachrichten von Aaron. Vor allem aber darauf, dass er die Freistellung vom Armeedienst bekam, ohne die er nicht ausreisen kann. Der Wehrdienst dauert in Syrien fast zwei Jahre, und im Chaos der Proteste hatte der Student Aaron Probleme, an das Dokument zu kommen. Dann endlich – doch in der kurzen Zeit noch ein Visum für Deutschland zu bekommen, war unmöglich, also trafen sich die beiden in der Türkei.

Hier können sie zusammen sein, während sie den Freunden im Restaurant aushelfen. Doch die Sorge um Angehörige in Syrien ist groß. Es gibt gute Tage, sagt Julia: "Da bauen wir uns gegenseitig auf, sagen uns, dass alles gut wird. Wir schauen uns Assad-Karikaturen an und können lachen. Es sind Tage, an denen wir Deutschland und Syrien vergleichen. An denen wir über die Tradition des Krötenzaunes lachen. Wie absurd es wirkt, dass Menschen in Deutschland Kröten über die Straße helfen, wenn man stundenlang die Nachrichten in Syrien verfolgt hat. Absurd, aber irgendwie aufbauend. Man braucht diese Momente , wenn man Freunde und Familie in Syrien hat. Aber es gibt auch schlechte Tage, an denen man die Bilder der Gewalt nicht mehr ausblenden kann."

Für Julia sind die Dimensionen der syrischen Unruhen schwer zufassen: "Es scheint unwirklich, dass mir für Deutschland nur ein einziges Todesopfer während Demonstrationen einfällt, ich habe nur ein Foto vor Augen: Benno Ohnesorg". Viele solcher Bilder hat sie in den letzten Tagen aus Syrien gesehen. Manche, wie der zu Tode gefolterte Hamza , bleiben in den Gedächtnissen der Massen, und manche verschwinden einfach.