"Das muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden." Diesen Satz liest man immer wieder, wenn über die Einführung der Präimplantationsdiagnostik (PID) diskutiert wird. Er ist Ausdruck einer Rücksichtnahme auf die Situation der Mütter, die ohne PID ihre Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit nicht lebend oder mit schweren Behinderungen zur Welt bringen würden.

Ich kann die Gewissenskonflikte und Gefühle dieser Mütter nachempfinden – und die ihrer Familien. Ich bin mit ihrem Leid vertraut, ich habe eine Tochter mit Glasknochen (Typ III). Ich möchte den Betroffenen aber klarmachen, dass ihr so seltenes Schicksal für die Diskussion über die Wertegrundlagen unserer Gesellschaft von geringer Bedeutung ist. 

Gebetsmühlenartig wird beteuert, mit der Zulassung der PID ginge es darum, einer kleinen Gruppe von Extremfällen zu helfen. Das stimmt nicht. Mediziner werden diese Technik zukünftig immer mehr Menschen zur Verfügung stellen, aus marktwirtschaftlichen sowie aus berufsethischen Gründen. Schließlich ist es ihre Aufgabe, gegen Erkrankungen vorzugehen.

Die PID ist eine mächtige Waffe im Kampf gegen eine Vielzahl von erblich bedingten Krankheiten. Mit ihren Möglichkeiten werden wir uns die Fragen stellen: Was ist lebenswertes Leben? Welchen Anlagen schenken wir den Vorzug? Muss das am Ende wirklich jeder für sich selbst entscheiden? Nein!

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Es gibt kein nicht lebenswertes Leben. Diese Definition von Leben ist die Grundvoraussetzung der Ethik, die wir kennen. Das Leben ist das absolute Gut, ohne das nicht weiter gedacht werden kann. Wenn wir anfangen, dieses ursprüngliche Gut aufzubrechen, nach welchen Kriterien sollen wir dann unser Zusammenleben ordnen? An welchen Kriterien sollen wir uns in unserem Handeln orientieren? An denen der Religionen? Ich bin Atheist, aber sei's drum: Was würde Gott sagen?

Fest steht, wenn wir das Leben als ein Gut, als das Gut an sich, aufgeben, nehmen wir uns gleichzeitig jedes stichhaltige Kriterium, nach dem wir bestimmen wollen, was lebenswert ist und was nicht. Danach folgt ethische Willkür. Mit ihr würden wir unsere humanistische Tradition dem Verfall preisgeben.