ZEIT ONLINE: Gibt es gar kein Demografie-Problem mehr in Deutschland?

Kreyenfeld: Nein, das würde ich so nicht sagen. Wir haben lediglich korrigierte Geburtenzahlen vorgelegt, wie sie auch für andere Länder verfügbar sind. Wir wissen, dass die bisherigen jährlichen Zahlen verzerrt waren, weil deutsche Frauen immer später Kinder bekommen – vor allem ihr erstes Kind. Dieses Phänomen finden wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. In Deutschland konnten wir diese Verzerrung nur bisher nicht aus der Statistik herausrechnen, weil uns die Daten dazu fehlten. Nun konnten wir das tun und kommen auf 1,6 Kinder pro Frau. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich aber immer noch sehr weit hinten. Das hat sich also nicht geändert. 

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie bei ihrer Art der Erhebung vorgegangen?

Kreyenfeld: Die bisherige amtliche Geburtenziffer wurde jährlich erhoben: Das Statistische Bundesamt hat dabei die Zahl der geborenen Kinder ins Verhältnis gesetzt zur Zahl der in Deutschland lebenden Frauen. Danach lag die jährliche Geburtenrate für Westdeutschland beispielsweise seit den Siebziger Jahren bei etwa 1,4 Kindern pro Frau. Das ist aber nur ein Schätzwert, der dadurch verzerrt wird, dass viele Frauen die Geburt ihres Kindes immer weiter nach hinten schieben. Die bisherigen offiziellen Geburtenraten geben nicht die endgültige Anzahl der Kinder an, die eine Frau im Laufe ihres Lebens zur Welt bringt, sondern einen vorab berechneten künstlichen Wert. Um diese Verzerrung herauszurechnen, gibt es eine Formel, die wir nun erstmals angewendet haben. Wir konnten zum ersten Mal auf die dafür notwendigen Daten zugreifen. Denn für diese korrigierten Geburtenzahlen muss man wissen, wie alt eine Frau bei Geburt ihres ersten, zweiten und dritten Kindes war.

ZEIT ONLINE: Woher stammen diese Daten?

Kreyenfeld: Wir hatten Zugriff auf Krankenhausdaten. In der Krankenhausstatistik wird genau unterschieden, ob ein Neugeborenes das erste, zweite oder dritte Kind einer Frau ist. Darüber lässt sich das Alter der Mütter bei der jeweiligen Geburt ermitteln und auf Basis dieser Daten haben wir nun die korrigierte Geburtenziffer errechnet.