Kerstin Rudek steht auf einem Acker außerhalb von Dannenberg und erhebt ihre Stimme. "Wir sind noch nicht am Ende", ruft Rudek, die Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. "Die Anti-Atom-Bewegung ist quicklebendig!" Zum ersten Mal brandet Jubel auf unter den tausenden Demonstranten, die sich auf dem dreieckigen Acker zur Kundgebung "Gorleben soll leben " versammelt haben. Über 23.000 sind es nach Angaben der Veranstalter. Abgesehen von 2010 soll es die größte Anti-Castor-Demo seit Jahren sein. Auf 12.000 schätzt die Polizei die Teilnehmerzahl. Die meisten Demonstranten tragen Trekking-Jacken und feste Schuhe. Viele gelb-rote "Atomkraft – nein danke"-Flaggen wehen über den Köpfen der Atomkraftgegner im kalten Wind.

Rudek gibt von der Kundgebungsbühne aus die Antwort auf die Frage, die sich wohl viele gestellt haben: Wie geht es weiter mit den Castor-Gegnern? Nun, da der Atomausstieg beschlossene Sache ist. Nun, da die letzten Castor-Behälter mit hochradioaktivem Material aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague unterwegs nach Gorleben sind. In den letzten Jahren sind die Castor-Transporte im November und die Demonstrationen dagegen zum Pulsschlag der Anti-Atom-Bewegung geworden. Nun steht der nächste Transport erst 2014 an. Der Puls setzt aus.

Doch Protestnostalgie kommt bei Jochen Stay, Sprecher der Gruppierung ausgestrahlt, nicht auf. Selbst ohne Castor-Transport sorgt er sich nicht um die Anti-Atom-Bewegung. "Uns fällt immer etwas ein. Im Jahr 2009 gab es  auch keinen Castor-Transport, da haben wir dann eben in Berlin demonstriert." Konfliktpotenzial sieht er ohnehin genug: "Die neue Endlagersuche ist nicht ehrlich. Schließlich wird in Gorleben permanent ausgebaut", sagt Stay. "Damit schafft die Politik Fakten." Dennoch hat er nicht das Gefühl, mit dem Endlagerproblem alleingelassen zu werden. "Allein in den Bussen, die hier angekommen sind, kamen Demonstranten aus dem ganzen Bundesgebiet."


Trotz des beschlossenen Atomausstieges misstrauen nicht nur Aktivisten wie Stay den Politikern. Die Skepsis sitzt tief. "Manche haben sich besänftigen lassen," sagt eine Demonstrantin aus Drebelin im Wendland. "Ich aber halte den Umschwung von Frau Merkel für eine Farce." Seit 30 Jahren demonstriert die 54-Jährige gegen Atomkraft. "Mein Protest richtet sich vor allem gegen eines: Solange Atomkraftwerke am Netz sind, produzieren sie weiter Atommüll."

Die ungeklärte Endlagerfrage spielt nicht nur für die Demonstranten, sondern auch für Luise Neumann-Cosel, Pressesprecherin von x-tausendmal quer, die größte Rolle. "Der eigentliche Konflikt ist nicht gelöst", sagt sie. "Es
gibt immernoch keine Lösung für den Abfall." Doch die große Wut, die nach der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke bei den Demonstrationen 2010 zu spüren war, scheint bei den meisten Castor-Gegnern verflogen.

Der Demonstrationszug aus dem Zentrum Dannenbergs bewegte sich nur träge zwischen Fachwerkhäusern hindurch auf die Kundgebung zu. Nur der Lautsprecherwagen mit Rap von Cypress Hill und einige Samba-Gruppen
sorgten für Lautstärke und Stimmung. Die meisten Demonstranten folgten schweigend den sechs grünen Treckern der bäuerlichen Notgemeinschaft. Nach wenigen Minuten schaute ein etwa fünfjähriger Junge zu seinem Vater
auf und sagte: "Papa, das ist langweilig hier nur zu gehen!"

Spannender ist dagegen die Abschlusskundgebung – zumindest für Hauke Günther aus Reddebeitz: "Ich bin sehr beeindruckt, wie viele Leute hier sind." Dass es deutlich weniger sind als im vergangenen Jahr, kann er sich ganz einfach erklären. "Ich denke, seit selbst Frau Merkel eingesehen hat, dass Atomkraft nicht sicher beherrschbar ist, sehen viele ein Umdenken von Gesellschaft und Politik", sagt der 25-Jährige mit den braunen Augen und dem Sankt-Pauli-Totenkopf auf der schwarzen Mütze. "Sollte die Politk wieder umschwenken auf Atomkraft, werden hier in Gorleben auch wieder mehr Leute demonstrieren."

Anja Stößer ist aus Bremen nach Dannenberg gekommen. "Letztes Jahr war mein Sohn hier, dieses Jahr bin ich selbst das erste Mal dabei", sagt sie. Trotzdem ist sie skeptischer als die meisten, was die Zukunft der Anti-Castor-Demonstrationen angeht: "Ohne den Castor geht es so in Gorleben nicht weiter. Vielleicht verlagert sich der Protest zu anderen Orten, an denen Transporte stattfinden", sagt sie.

Auf dem Gelände der Kundgebung wirbelt der Wind Sand auf. Kerstin Rudek hat ihre Rede beendet, inzwischen berichten Frauen aus Fukushima über den GAU im japanischen Atomkraftwerk. Auf der Straße, die nach Dannenberg hineinführt, sind hunderte Demonstranten unterwegs. Sie verlassen die Kundgebung, die gerade mal vor einer halben Stunde begonnen hat. Die Atomkraftgegner aus dem Wendland können nur hoffen, dass sie zur nächsten Demonstration alle wiederkommen.