Wenn ich jetzt in meinem Studentenwohnheim sitze und darüber nachdenke, was das Ägypten des vergangenen Jahres für mich persönlich bedeutet, dann fallen mir gewiss nicht Begriffe wie Arabischer Frühling oder Arabellion ein.

Nachdem meine Egyptair-Maschine zu Beginn der Sommerferien in Kairo gelandet war, überkam mich nicht das Gefühl, in einem Land zu sein, welches gerade seinen Machthaber gestürzt hatte.

Das Ägypten, das ich im Juli und August zwischen meiner Praktikumsstelle in einer Vorschule und Kaffeehäusern erlebte, wirkte auf mich alles andere als revolutionär. Es zeichnete sich vor allem durch die ganz normalen Menschen in meinem Umfeld aus. Die meiste Zeit ging es für mich in Alexandria um banale Angelegenheiten, wie ich beispielsweise trotz des Ramadan an meinen morgendlichen Kaffee kam.

Allerdings dauerte es nicht lange und ich hatte meine erste Begegnung mit der Revolution am ersten Tag des Prozesses gegen den gestürzten Machthaber Mubarak. Der alte Mann lag auf seinem Bett im Gerichtssaal und ließ den Prozessbeginn über sich ergehen. Die Bilder davon flimmerten über die Fernsehbildschirme der Kioske. Vorübergehende blieben schweigend einen Moment lang stehen.

Anders verhielt es sich in der Montessori-Vorschule, in der ich mein Praktikum als Englischlehrer machte. Die Ägypterinnen, mit denen ich dort arbeitete, ein sowieso schon quirliger Haufen, wuselten am Prozessbeginn besonders aufgeregt umher. Einige meinten, der gestürzte Despot spiele seine Krankheit nur vor und ein Lieferant, der kurz vorbei kam, sagte, Mubarak werde schon irgendwie davonkommen.

An diesem Tag saß ich auf der kleinen Treppe vor dem Eingang der Schule und versuchte, diesen Moment zu begreifen, einen Moment, dessen historische Dimension ich nur erahnte. Das schien übrigens auch für die Kinder zu gelten, die zwischen ihren Rutschen und Wippen spielend einen erbitterten Widerstandskampf gegen Gadhafi und Assad ausfochten.

Zu den wichtigsten Eindrücken dieser sieben Wochen in Ägypten zählen die Menschen, deren Bekanntschaft ich dort machte. Allen voran jene jungen Ägypter, die sich der Praktikanten angenommen hatten, die damals in Alexandria arbeiteten. In gleichaltrigen Studenten – woher auch immer diese stammten – habe ich bisher immer einen Spiegel meiner selbst gefunden.

Es war beeindruckend, ihren Erzählungen zu folgen, ihren Geschichten über ein chaotisches Land während eines revolutionären Umsturzes. Leute, die mir so sehr ähnelten und dennoch eine so ganz andere Facette dieser Welt kennengelernt hatten: das Aufbegehren gegen die Repression.

Junge Leute, mit denen ich auf einer Ebene, auf Augenhöhe kommunizieren konnte, erzählten, wie sie beteiligt waren, als Kugeln und Fäuste flogen, als ihr Land einer ungewissen Zukunft entgegensah.

Trotz dieser Erzählungen blieb es während meines siebenwöchigen Aufenthalts meist jedoch unvorstellbar, dass Alexandria noch vor nicht allzu langer Zeit Teil der großen ägyptischen Revolution gewesen ist.