Die Demografiestrategie der Bundesregierung, die am Mittwoch im Kabinett verabschiedet wird, klingt nach Aufbruch und positivem Denken. Die "Chancen der Schrumpfung" stehen im Vordergrund, die Risiken werden spärlich beleuchtet. Dabei wird der demografische Wandel mehr Verlierer als Gewinner hervorbringen. ZEIT ONLINE beschreibt, wer zu diesen Verlierern gehören wird.

Rentner

Da sind zum einen die künftigen Rentner. Sie sind die größte Gruppe der Verlierer, weil immer weniger Menschen in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Schon heute sinkt das sogenannte Sicherungsniveau stetig, derzeit liegt es bei ungefähr 50 Prozent. Das bedeutet: Versicherte werden weniger als die Hälfte ihres durchschnittlichen Monatsverdienstes als Rente bekommen. Und das auch nur, wenn sie mindestens 45 Jahre lang eingezahlt und bis zum Renteneintrittsalter durchgehalten haben.

Viele schaffen das nicht und müssen so Renteneinbußen von 0,3 Prozent für jeden Monat in Kauf nehmen, den sie früher in Ruhestand gehen. Besonders Frauen leiden schon heute unter niedrigen Renten von durchschnittlich 645 Euro monatlich. Die von Ursula von der Leyen geplante Zuschussrente, die niedrige Renten auf bis zu 850 Euro aufstockt, hilft nur bedingt. Die Bedingungen, die Zuschussrente zu bekommen, sind streng, und auch von 850 Euro lässt sich nicht wirklich gut leben. Wer nicht privat vorgesorgt hat, wird also im Alter seinen Lebensstandard nicht halten können.

Selbstständige

Auch viele Selbstständige werden zu den Verlierern gehören. Sie sind meist privat krankenversichert und leiden heute schon unter der steigenden Beitragslast. Zurück in die gesetzlichen Krankenkasse können sie nur, wenn sie ein Angestelltenverhältnis aufnehmen und dort weniger als 46.000 Euro im Jahr verdienen. Zudem müssen sie dafür jünger als 55 Jahre sein.

Der Grund für die steigenden Beiträge bei den privaten Versicherungen: Es kommen immer weniger junge und gesunde Versicherte nach. Die Privatversicherungen versuchen, diesen Mangel auszugleichen, doch das kostet viel Geld: Allein die Summe der Altersrückstellungen stieg von 60 Milliarden Euro im Jahr 2000 auf 160 Milliarden 2010.

Ein weiteres Problem sind die mehr als 150.000 Mitglieder, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können. Sie haben sich seit der letzten großen Gesundheitsreform 2009 bei den Privatversicherungen angesammelt. Anders als früher dürfen ihnen die Krankenversicherungen nicht mehr kündigen, ihnen muss mindestens der Basistarif bleiben. Besonders viele ältere Männer, die hohe Kosten verursachen, aber keine Einnahmen mehr bringen, gehören zu dieser Gruppe.

Auch die Altersversorgung wird für viele Selbstständige zunehmend zum Problem. Sie sind oft auf private Rentenversicherungen angewiesen, da sich ein freiwilliger Eintritt in die gesetzliche Versicherung nicht mehr lohnt. Diese Verträge werden wegen der längeren Lebenserwartung immer teurer – oder die garantierten Leistungen sinken. Die Versicherer kalkulieren so, dass ihnen auch bei einer sehr langen Auszahlungsperiode noch eine Rendite bleibt. Sie preisen also den demografischen Wandel ein.

Unternehmer

Eine ganz andere Verlierergruppe sind Unternehmer, die ihre Arbeitsplätze nicht mehr besetzen können. Besonders den ländlichen Regionen Ostdeutschlands droht die Vergreisung. Im vergangenen Jahr haben etwa in Mecklenburg-Vorpommern erstmals weniger als 10.000 junge Leute ihren Schulabschluss gemacht. Das Bundesland stirbt langsam aus: 1,6 Millionen Menschen leben hier, im Jahr 2030 werden es laut Prognosen des Statistischen Landesamts schlimmstenfalls nur noch 1,3 Millionen sein. Schon heute finden viele Firmen, gerade in Ostdeutschland, keine Auszubildenden mehr. Unternehmer berichten, dass sie froh sein könnten, wenn sich für manche Stellen noch eine Handvoll Bewerber fänden. Vor einigen Jahren seien es mehr als drei Mal so viele gewesen. Sicher ist, dass sich diese Lage künftig verschärfen wird, insbesondere in ländlichen Gebieten.