Judith Göller ist Industriekauffrau und Mutter von zwei Kindern – und ihre Leidenschaft ist Bauchtanz. Obwohl sie seit ihrer Geburt gehörlos ist, tritt sie unter dem Künstlernamen Judith-Ayn als Bauchtänzerin auf.

Sie mag es, wenn die Lautsprecher auf dem Boden stehen und sie den Rhythmus mit den Füßen spüren kann. In erster Linie aber beobachtet Göller die anderen Tänzer und konzentriert sich auf deren Bewegungen. Sie sieht sofort, ob jemand Talent hat. "Nicht jeder hörende Mensch hat automatisch ein gutes Rhythmusgefühl," sagt sie.

"Gehörlose lieben Musik. Die meisten mögen Musik mit viel Bass. Sie spüren die Bässe am ganzen Körper, ihr Adrenalinspiegel schnellt in die Höhe. Hörende sollten das mal erleben! Sie sollten Ohrstöpsel benutzen!", sagt Göller lachend.

Ihr Künstlername Ayn stammt aus dem Arabischen und bedeutet "mit Augen hören und mit Ohren sehen". Von Natur aus rhythmisch begabt, begann Göller mit 19 Jahren Bauchtanzkurse an der Volkshochschule zu besuchen und war begeistert. Später war sie bei Workshops in Deutschland und Europa, um ihr Repertoire zu erweitern.

Ihre Mutter bemerkte früh, dass sich ihre Tochter anders verhielt als andere Babys. Sie prüfte immer wieder, ob Göller auf Geräusche reagierte. Meistens reagierte sie, weil sie "flinke Augen" hat, wie sie heute selbst sagt. Wenn zum Beispiel jemand neben ihr in die Hände klatschte, sah sie die Bewegung. Als sie neun Monate alt war, stellten ihre Eltern fest: Göller hörte nicht.

"Für meine Mutter brach die Welt zusammen. Als sie den Schock verkraftet hatte, unternahm sie alles, um mich zu einer selbständigen Frau zu erziehen. Das ist ihr gelungen." Als Judith zweieinhalb Jahre alt war, brachte ihre Mutter ihr Lesen und Schreiben bei. Sie las ihr vor und ließ sie Diktate schreiben. So lernte Judith Lippenlesen. Ihr Wortschatz wuchs, sie wurde immer besser darin.

Und so ist sie neben ihrem Job als Industriekauffrau heute auch Lippendolmetscherin. "Das Lippendolmetschen ist zum Beispiel wichtig bei hörenden Patienten mit Luftröhrenschnitt", erklärt sie. "Sie können zwar sprechen, haben aber keine Stimme. Hier vermittle ich als Hörgeschädigte zwischen Hörenden, in dem Fall zwischen Patient und Verwandtschaft."

Für eine Folge der Serie ZDF History hat Göller Adolf Hitlers Lippen gelesen. Die Historiker wollten wissen, worüber Hitler in einem Stummfilm sprach. "Dieser Auftrag war eine echte Herausforderung", erinnert sie sich, denn wegen seines Bartes konnte sie Hitlers Mundbild nur mühsam entziffern.

Vermittlung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ist Göllers Thema, deshalb ist sie auch eine engagierte Untertitelaktivistin. Dass in Deutschland nur knapp 16 Prozent aller Fernsehsendungen Untertitel haben, findet sie beschämend. Denn dadurch sind Gehörlose von den meisten Medienereignissen ausgeschlossen oder zumindest auf die Hilfe von Hörenden angewiesen. Außerdem ärgert es sie, dass Untertitel, wenn sie denn vorhanden sind, stark vereinfachen – als ob Gehörlose keine komplexen Sätze verstehen könnten.

Göller wünscht sich, dass Gebärdensprache in Schulen als Fremdsprache angeboten wird, die Schüler freiwillig lernen können. Neugierde und Verständnis für andere Menschen seien wichtig, betont sie. Hörende sollten sich beispielsweise einmal vorstellen, wie es sich anfühlt, am Bahnhof zu stehen und nicht mitzubekommen, dass der Zug von einem anderen Gleis abfährt. Es wird zwar angesagt, aber nicht immer angezeigt.

Göller beschwert sich nicht. Eher schmunzelt sie über das, was sie im Alltag erlebt. Neulich wünschte ihr jemand "Gute Besserung", nachdem er erfahren hatte, dass sie gehörlos ist.