Ich bin eine der dritten Generation. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, studiere an einer deutschen Hochschule Politikwissenschaft und Germanistik. Ich bin eine Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund.

Um mit der ewigen Frage nach dem Woher umzugehen, musste ich erst einen Weg finden. Denn diese Frage kehrt immer wieder. Meinen Freunden mag nicht mehr auffallen, dass ich aus einer sogenannten Migrantenfamilie komme. Für sie spielt es keine Rolle. Aber wenn ich Menschen neu kennenlerne, dauert es nicht lange, bis jemand fragt: "Woher kommst du?"

Meine Antwort besteht aus zwei Wörtern: "Aus Karlsruhe". Karlsruhe ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Es gibt für mich keine andere Heimat als Deutschland.

Gleichzeitig trage ich den Herkunftsort meiner Familie in mir. Meine Großeltern und Eltern kamen vor rund vierzig Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Bei mir zu Hause spricht man deutsch, arabisch und türkisch. Verleugnen würde ich die Herkunft meiner Eltern nie. Ich kann und will sie auch nicht ablegen.

Unterschwelliger Rassismus

Offener Rassismus ist in Deutschland nicht oft zu beobachten, ich selbst bin damit kaum in Berührung gekommen. Aber ich denke, dass Rassismus heute vor allem unterschwellig stattfindet. Auf die zunächst banal wirkende Frage "Woher kommst du?" folgt nach meiner Antwort meist eine zweite Frage: "Wo deine Familie ursprünglich herkommt, meinte ich."

Haben Sie jemals ihren deutschen Nachbarn, ihre deutsche Arbeitskollegin oder den deutschen Kommilitonen gefragt, wo seine Familie herkommt? Wieso sollte ich jemandem meine gesamte Familiengeschichte erzählen wollen, den ich erst vor wenigen Minuten kennengelernt habe? Und welchen Unterschied macht es, woher meine Familie stammt?

Wenn Freunde oder Bekannte diese Frage nach einiger Zeit stellen, kann ich mir sicher sein, dass es darum geht, mehr über meine Persönlichkeit zu erfahren. Bei neuen Bekanntschaften frage ich mich: Wollen sie mich einordnen, eine exotische Geschichte hören? Vor allem aber: Kann mich jemand, der nach wenigen Minuten eine solche Frage stellt, als ebenbürtiges Gegenüber sehen? Oder zeigt nicht bereits diese Frage, dass man aufgrund seines Aussehens – das im Übrigen für Außenstehende der einzige Grund sein kann, mir eine Frage wie diese zu stellen – vom Rest unterschieden wird?

Ich denke, Rassismus in Deutschland entsteht nicht selten durch überflüssige Unterscheidungen: Hier die Deutschen, da die Deutschen mit Migrationshintergrund. Mir ist bewusst, dass manche Migranten noch nicht das Gefühl haben, in Deutschland angekommen zu sein. Andere aber nennen Deutschland längst ihre Heimat. Ich für meinen Teil musste nie ankommen. Mein Zuhause ist hier.