Ich habe meine demenzkranke Mutter gepflegt, erst ein Jahr zu Hause und dann bis zu ihrem Tod in einem Pflegeheim. So habe ich den oft zermürbenden Pflegealltag mit seinen Tiefen und wenigen Höhen kennengelernt. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Momente der Verzweiflung. Ich spüre noch immer Wut über die Tatsache, dass meine Mutter unheilbar geistig verwirrt war.

Doch diese harte Zeit hat mich auch vieles gelehrt, was mein Leben grundlegend verändert hat. Aus heutiger Perspektive war die Pflege meiner Mutter ein Meilenstein meiner persönlichen Entwicklung. Ich war damals 45 Jahre alt, beruflich erfolgreich, und glaubte, mein Leben im Griff zu haben. Ich ging davon aus, dass alles so weiter laufen würde wie bisher. Damit war ich zufrieden. Ich fühlte mich erwachsen, körperlich und geistig. Größere Schwächen konnte ich, bis auf meine Ungeduld, nicht an mir entdecken. Ich sah keinen Grund, mein Denken und Handeln infrage zu stellen.

Erst die Demenzerkrankung meiner Mutter öffnete mir die Augen für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Während ich sie pflegte, habe ich gelernt, mehr im Hier und Jetzt zu leben. Wenn meine Mutter einen ihrer klaren Momente hatte, war ich ganz aufmerksam und habe ihn ganz bewusst wahrgenommen. Im nächsten Moment konnte schon wieder alles vorbei sein. Ihre Gefühlslage konnte sich ändern oder ein weiterer Krankheitsschub abrupt einsetzen, der ihr Verhalten komplett änderte.

 
Früher war ich gedanklich meist mit Problemen von gestern oder mit Vorhaben von morgen beschäftigt. In der Gegenwart verweilte ich nur kurz. Diese Schwäche wurde mir erst während der Krankheit meiner Mutter bewusst. Sie lebte nur für den Moment und gab sich ihm völlig hin. Sie kannte kein Gestern und Morgen, nur das Jetzt zählte. Ich habe von ihr gelernt, meine Aufmerksamkeit mehr den Dingen zu widmen, die gerade geschehen, und achtsam mit meiner Zeit umzugehen. Heute lebe ich viel präsenter in meinem Alltag und gehe bewusster mit meinen Mitmenschen um.