Als junge Frau habe ich einen muslimischen Mann geheiratet. Er ist Palästinenser und kommt aus Jordanien. Drei Kinder habe ich mit ihm bekommen. Alle drei haben arabische Namen, fühlen sich deutsch und gehören keiner Religion an. Probleme wegen ihrer Herkunft hatten sie lange nicht.

Für meine Tochter änderte sich das in der Oberstufe. Ein paar Nazis gingen auf ihre Schule. Sie verbreiteten Furcht unter den Schülern und spalteten sie in Lager. Die ausländischen oder ausländisch aussehenden Schüler, darunter meine Tochter, rückten in dieser Zeit zusammen. Einige Schüler wehrten sich gegen die Einschüchterungen, aber die meisten schwiegen. Diese Erfahrung hat meine Tochter zu einer engagierten Anti-Rassistin werden lassen.

Jetzt, nach ihrem Abitur, nervt meine Tochter vor allem, dass ihre Nationalität immer wieder infrage gestellt wird. Es kommt tatsächlich vor, dass sie gefragt wird, ob und wann sie wieder "nach Hause" zurückkehren wolle. Viele begreifen nicht, dass eine Deutsche braune Augen und schwarze Haare oder asiatische Augen haben kann.

Mein ältester Sohn hatte sein Schlüsselerlebnis, als er eine Lehre als Mechatroniker begann und von seinem Ausbilder im Vorbeigehen immer wieder zu hören bekam: "Ja, der A., dem liegt das Bombenbauen im Blut." Während der Ausbildung war er mit vielen solcher Ausländerklischees konfrontiert. Gegen seinen Willen wurde er in eine Schublade gesteckt, in die er nie gehörte. Irgendwann hatte er in der Fabrik nur noch muslimische Freunde, obwohl er vorher immer einen gemischten Freundeskreis hatte. Die anderen wollten mit ihm nichts zu tun haben. Auf der Arbeit sagten seine muslimischen Freunde: "Scheiß auf die Deutschen, du gehörst zu uns!"

Nachdem er seine Lehre abgeschlossen hatte, wollte mein Sohn mit der Fabrik nichts mehr zu tun haben. Er macht eine neue Ausbildung und wohnt jetzt mit zwei deutschen Freunden in einer Wohngemeinschaft.

Am schlimmsten von Rassismus betroffen ist mein behinderter Sohn. Er ist Autist und kann verbale Angriffe oft als solche nicht erkennen; er kann sich also auch kaum dagegen wehren. Zunächst ging er auf eine Lernhilfeschule. An solchen Schulen herrscht meiner Erfahrung nach ein sehr hohes Gewaltpotenzial. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass viele Jugendliche mit Behinderung das Verlangen haben, ernst genommen und respektiert zu werden. Entsprechend aggressiv gehen sie mit anderen Jugendlichen um, die schwächer oder irgendwie anders sind als sie.

Von der Lernhilfeschule kam mein Sohn vor Kurzem an eine Schule für geistig Behinderte, an der Gewalt sofort geahndet wird. Seitdem läuft es besser. In seiner Freizeit erleben er und seine Freunde aber immer noch Übergriffe. Dann wird er als Ausländer oder Spacke beschimpft. Er wurde auch schon Opfer körperlicher Gewalt. Er spielt mit seinen Freunden deshalb oft auf dem Gelände einer Werkstatt für geistig Behinderte, weil er dort sicher ist.

Andere Menschen stehen oft daneben, wenn eines meiner Kinder rassistisch angegangen wird. Der Ausbilder im Betrieb beispielsweise konnte sich seine diskriminierenden Äußerung nur erlauben, weil er sicher war, dass niemand dem Betriebsrat, der Geschäftsführung oder anderen Ausbildern davon berichten würde. Auch die Lehrer in der Schule reagierten nicht, als einige Schüler Neonazi-Sprüche auf den Schulhof brachten. Zu viele Menschen schauen in solchen Situationen immer noch weg.