Anna* hat Hunger. Ständig und überall. Während der Vorlesung, auf dem Weg zur Arbeit, mit Freunden im Kino. Ihr Body-Mass-Index beträgt 16. Nach der Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation bedeutet dieser Wert "stark untergewichtig". Doch Anna will es so. Sie will dünn sein.

Anna, das Mädchen aus dem Dorf, hatte eine behütete Kindheit: stabile Familienverhältnisse, gute Schulnoten, ein großer Freundeskreis. Sie war schon immer hübsch, das bekam sie oft genug zu hören. Ihre Freundinnen bewunderten ihr langes Haar und ihre stahlblauen Augen, ihre Sommersprossen und ihre vollen Lippen. Doch so richtig ist sie nie mit sich und ihrem Körper zufrieden gewesen.

Es fing im ersten Semester an, als Anna zehn Kilo abnahm. Der Stress, das ständige Unterwegssein und das Mensaessen machten sich bemerkbar. Aber ihr, die immer in Gedanken ist, fiel der Gewichtsverlust nicht auf. Erst als sie von Freunden und Verwandten zu hören bekam, wie toll ihr Körper mit ein paar Kilos weniger aussehe, fand sie Gefallen am neuen Körpergefühl. Komplimente wie "Steht dir super!" verschlang Anna gierig und nahm sie als Ansporn, unter keinen Umständen auch nur ein Gramm zuzunehmen. Damals wog sie 52 Kilo.

Mit dem Dünnsein veränderte sich Annas Charakter. Dinge, die sie in der Schule verurteilt hatte, fand sie auf einmal reizvoll. All ihre Prinzipien, hinter denen sie einst gestanden hatte, waren futsch. Plötzlich interessierten sie nur noch Partys, teure Klamotten und ihre Figur. Oft ging sie gar nicht in die Vorlesungen, sondern verbrachte stattdessen ihre Tage in Modeboutiquen und Schmuckläden. Mit vollen Einkaufstüten in den Händen glaubte Anna glücklich zu sein – aber sie war es nicht.

Immer häufiger ließ sie Mahlzeiten ausfallen. Als sie eines Tages im Winter sogar das Trinken vergaß, hatte sie ihren ersten Kreislaufzusammenbruch. Es war mitten in der Straßenbahn, als ihr plötzlich schwarz vor Augen wurde und sie ihn Ohnmacht fiel. Anna wog nur noch 45 Kilo. Ihr Speiseplan bestand aus körnigem Frischkäse, Espresso und Salat. Beim Abendessen aß sie nur das Gemüse. Ihre Eltern schwiegen. Es sei der Stress, das ginge vorüber. Doch das Dünnsein war längst zur Sucht geworden. Anna fing an zu hungern.

Ein Freund wollte sie damals überzeugen, dass sie viel zu dünn sei. "Schau doch mal, da gucken schon die Knochen raus", sagte er. Doch für Anna waren diese Worte ein Kompliment. Die vielen Blicke, die sie am Badesee oder in der Fußgängerzone auf sich zog, waren ihre Motivation. Sie wusste, was die anderen dachten. Doch niemand wusste, was Anna dachte: "Ja, ich bin dünn. Und ihr seid alle dick und neidisch!" Die Magersucht war ihre Rache an der Welt. Obwohl es nichts gab, für das sie sich je hätte rächen müssen.

Anna weiß nicht, ob sie jemals wieder normal essen kann. Sie hasst das Wort Lebensmittel. "Es suggeriert, dass man Nahrung braucht, um überhaupt leben zu können. Aber das stimmt nicht. Der Gedanke an Essen macht mich krank." Wenn sie von Leuten hört, "wer einmal magersüchtig ist, der ist es immer", dann bekommt sie verdammt große Angst. Kann sie überhaupt ein eigenes, selbstbestimmtes Leben führen?

Mit 16, findet Anna, sei sie das erwachsenste, klügste und tollste Mädchen der Welt gewesen. "Ich habe das Leben geliebt. Jetzt drehe ich durch, wenn die Waage nur ein bisschen zu viel anzeigt. Ich bin ein psychisches Wrack." Dann schweifen ihre Gedanken ab. Vermutlich denkt sie an Lasagne, das Lieblingsgericht ihrer Kindheit. An ihre Laufschuhe, die zu Hause auf sie warten. Daran, dass sie morgen unbedingt wieder abnehmen muss. Morgen. Wird Anna die Krankheit jemals besiegen?

*Name von der Redaktion geändert