Das Ausmaß des Organspendeskandals ist bislang schwer zu überblicken. Die Vorfälle scheinen nur der sichtbare Teil eines größeren Skandals von Bestechlichkeit zu sein. Die Voraussetzung dafür haben das alte und das neue Transplantationsgesetz geschaffen.

Bis vor wenigen Monaten mussten sich potenzielle Spender melden und explizit ihre Bereitschaft zur Organspende erklären. Dieser Aufwand war vielen offenbar zu groß. Weil es zu wenige Spendeorgane gab, blieben mehrere Tausend Patienten unversorgt. Ein Patient in einer solchen Lage würde verständlicherweise alles unternehmen, um an ein passendes Organ zu kommen. Und ein Arzt würde sich durch entsprechende Gegenleistungen vermutlich auch davon überzeugen lassen, das reguläre Vergabeverfahren zu umgehen.

Das neue Transplantationsgesetz, das Anfang August in Kraft getreten ist, sollte die Zahl der Organspender in Deutschland erhöhen. Es sieht eine regelmäßige schriftliche Befragung aller Krankenversicherten vor. Allerdings ist niemand gezwungen, zu antworten. Vermutlich werden sich deshalb weiterhin nur wenige Menschen bereit erklären, ihre Organe zu spenden. Patienten und Ärzte haben also weiterhin ein Interesse daran, in die reguläre Zuteilung von Organen einzugreifen.

Wie ließe sich die Organspende anders regeln? Denkbar wäre eine Widerspruchslösung: Wer nicht ausdrücklich nein sagt, ist ein Spender. Aus pragmatischer Sicht spricht nichts dagegen. Der Spender hat zu Lebzeiten die Gelegenheit, seine Interessen durchzusetzen und die spätere Organentnahme zu verweigern. Unternimmt er nichts, rettet er ein Leben. Dem Empfänger, dessen Familie, Freunden und Bekannten werden weitere gemeinsame Lebensjahre geschenkt.

Gegen diese Regelung gibt es aber ethische Bedenken: Ist es richtig, Menschen dazu zu verpflichten, der Spende zu widersprechen? Das Recht zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper gehört zur Menschenwürde und zur Freiheit, die Artikel 1 und Artikel 2 des Grundgesetzes schützen. Der Mensch soll frei und bewusst Entscheidungen treffen können. Dieser Grundsatz wäre aus meiner Sicht allein schon dadurch verletzt, dass wir Menschen zu einem Widerspruch gegen die Organspende zwingen.

Eine Pflicht zur Organspende oder eine Pflicht zur Entscheidung darüber ist unter unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht vorstellbar. Stattdessen sollten angehende Ärzte im Studium und später in ständigen Fortbildungen darauf vorbereitet werden, ethisch und rechtlich richtig mit Organspenden umzugehen.