Claudia Doubos'* Vater verlässt die rumänische Heimatstadt Caransebeş im Jahr 1991, um als Koch in Wien zu arbeiten. Sechs Monate später reist ihm die Mutter nach. Claudia ist zweieinhalb Jahre alt und kommt zur Oma. Als sie sieben ist, zieht sie mit der Tante mütterlicherseits in ihr Elternhaus zurück. Noch einmal zwei Jahre später verlässt die Tante das Haus, weil sie selbst ein Kind bekommt. Nun zieht eine andere Tante, die Schwester ihres Vaters, mit Mann und kleinem Sohn ein. Claudia lebt seither in der Angst vor den militärischen Erziehungsmethoden und der latenten Aggression des Onkels. Sind ihre Noten nicht sehr gut, droht ihr Hausarrest. Sie wird zur Musterschülerin. Erst als sie 14 Jahre alt ist, mehr als elf Jahre später, holen die Eltern Claudia nach Wien.

350.000 Kinder sind in Rumänien betroffen

Claudias Geschichte ist kein Einzelfall. Mehr als drei Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, seit das Land 2007 Mitglied der EU wurde. Sie finanzieren so das Leben der Familie. Häufig sind sie Altenpfleger, Putzhilfen, Lagerarbeiter, Fabrik- und Feldarbeiter. Oft arbeiten sie solange schwarz, bis sie einen Arbeitsvertrag bekommen. Ihre Kinder bleiben bei Großeltern, Bekannten, Nachbarn oder Freunden. Manche landen auch im Heim. Das Gesetz schreibt nur vor, dass die Eltern einen Vormund bei den Behörden angeben. Unicef bezeichnet diese Kinder als "Eurowaisen" und schätzt ihre Zahl in Rumänien auf 350.000 Kinder pro Jahr.  Die Kinder leiden oft lange nach der Trennung von den Eltern an Verlustangst und werden manchmal zu überforderten Erwachsenen.

"Hallo, ich heiße Claudia." Nur diesen einen Satz kann die 14-Jährige sagen, als sie nach Wien kommt. Hässlich und schwierig findet sie die deutsche Sprache. Doch als ihre Lehrerin ihr sagt, sie werde nie Deutsch lernen, meldet sich Claudia zum Deutschkurs für Ausländer an, nimmt drei Mal wöchentlich Privatunterricht und liest deutsche Bücher: zunächst Comics, dann immer anspruchsvollere Literatur.

Deutsch, Rumänisch oder beides?

"Sechs Monate später war ich in allen Schulfächern integriert", erzählt die heute 24-Jährige in akzentfreiem Deutsch. Doch inzwischen vergesse sie ihre Muttersprache. "Mit 14 sah ich für mich keine Zukunft in Rumänien. Ich bat meine Eltern, mich abzuholen." Der Vater schuftet an sieben Tagen von morgens bis abends, nachts bleibt er fern, betrügt seine Frau, behandelt sie mies. "So willst du leben?", fragt die Tochter. Kurz drauf ziehen Mutter und Tochter aus. Die Eltern trennen sich 2005.

Anfangs habe sie in beiden Welten gelebt. "Bis zehn Mal jährlich bin ich nach Rumänien gefahren, da ich meine Freunde vermisst habe. Nach sechs Jahren waren dann die meisten von ihnen auch weggezogen." Heute lebt ihre beste Freundin in Deutschland und ihr Freund in Wien. Claudia  studiert im vierten Semester Pharmazie und hat zwei Nebenjobs. Ihre Ziel: eine eigene Apotheke, heiraten, Kinder, in Wien bleiben. "Ich bin zwar keine Österreicherin, aber ich möchte im Alter nicht in Rumänien leben, wie meine Mutter das plant. Ich bin ein bisschen von beidem."

Die meisten ihrer Freunde sind überall in Europa verstreut. "Die, die in Rumänien geblieben sind, haben meist keine Jobs, keinen Studienplatz", sagt sie. Einer Freundin aus Caransebeş ging es zunächst besser. Sie hat studiert und einen Job gefunden. Nach dem BWL-Studium zahlte ihr ein großer Konzern zunächst 250 Euro pro Monat und dann bald gar kein Gehalt mehr. Jetzt verdient sie 200 Euro als Marktverkäuferin. Bis zu 1.400 Euro könnte sie damit im Westen verdienen. Ein kleines Vermögen für einen Mehr-Personen-Haushalt in Rumänien. Dabei unterscheiden sich die Lebenshaltungskosten nicht wesentlich von den westeuropäischen. Die Menschen überleben hier mit eigenem Gemüseanbau und Tauschgeschäften. Große Familien teilen sich kleine Wohnungen, erwachsene Kinder können nicht ausziehen. 

Keine Kindheitserinnerung mit Eltern

Als Kind war Claudia Doubos oft traurig. Sie erzählt: "Alle Kinder hatten Väter und Mütter. Ich hatte Tanten und eine Oma. Ich habe keine Kindheitserinnerung mit den Eltern." Jahrelang sah sie ihre Eltern gar nicht. Ein Grund dafür war, dass ihre Mutter bei der Schwarzarbeit erwischt wurde und illegal in Österreich blieb. "Mit 19 wurde ich depressiv. Ich kam mit all den Veränderungen nicht mehr klar. Ein halbes Jahr nahm ich Antidepressiva. Dann wollte ich ohne Tabletten leben." Das hat sie geschafft.

Aber bis heute kann sie mit Stress nicht gut umgehen und es fällt ihr schwer, anderen zu vertrauen. Sie träumt von einer eigenen, glücklichen Familie. Heute lebt sie mit der Mutter, dem Stiefvater und zwei Pekinesenmischlingen in einer Zweizimmerwohnung in Wien. Würde sie eine Million gewinnen, würde sie eine Eigentumswohnung kaufen, ein Familienauto und Geld für das Tierheim spenden. "In Rumänien habe ich ständig alle Katzen von der Straße geholt. Am liebsten hätte ich viele Tiere, um die ich mich kümmern könnte." 

* Name von der Redaktion geändert