Der doppelte Staatsbürger – Seite 1

Diese eine Frage, als Kind habe ich sie immer wieder gehört: "Was bist Du eigentlich: Deutscher oder Grieche?" Egal, ob der Nachbar in Eschweiler fragte oder die Tante aus Thessaloniki. Ihnen schien die Sache nicht ganz klar zu sein. Mir auch nicht.

Eine Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Und das, obwohl ich seit Kurzem auch offiziell Deutscher bin. Ein knappes Jahr hat das Einbürgerungsverfahren gedauert, am Ende finde ich mich wieder im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses. Um mich herum 500 Menschen, denen es so ähnlich gehen dürfte wie mir. An der Decke drei Kronleuchter, jeder so groß wie ein Kleinwagen. Die Gäste tragen Sonntagskleidung.

"Eine Einbürgerung ist nichts Alltägliches", sagt der Bürgermeister Olaf Scholz zu Beginn seiner Rede. Der SPD-Politiker hat eingeladen zu der Feier. Letzter Programmpunkt: "Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland". Ich sehe blonde Haare, Krückstöcke, Kopftücher, Miniröcke. Die Gäste haben sich um einen deutschen Pass beworben und ihn bekommen. Viele mussten Integrationskurse bestehen, Sprach- und Einbürgerungstests. Bei mir war es einfacher.

Früher galt das Blutsrecht

Ich wurde 1980 in Deutschland geboren, zu einer Zeit, als noch das Abstammungsprinzip galt. Manche sagen dazu auch Ius sanguinis oder Blutsrecht. Da meine Eltern Griechen sind, besaß ich von Geburt an nur die griechische Staatsangehörigkeit. Die Dauerfrage meiner Kindheit hätte ich klar beantworten können: Grieche. Eigentlich.

Ausländer zu sein, war wenig problematisch. Als EU-Bürger hat man fast die gleichen Rechte wie deutsche Staatsbürger. Es gibt aber Einschränkungen, kleine und größere: Als Schüler brauchte ich eine Meldebescheinigung, um mir in der Videothek Filme auszuleihen. Im Reisepass steht keine Adresse. Später durfte ich nicht mitbestimmen, wer Bundeskanzler wird. Nur Deutsche dürfen das. Deshalb habe ich vor zweieinhalb Jahren den deutschen Pass beantragt.

Im Frühling 2010 stand ich in einem dürftig beleuchteten Flur des Einwohner-Zentralamtes in Hamburg. Linoleumboden, pastellfarbener Beton. Was kommt jetzt auf mich zu? Unzählige Formulare? Unfreundliche Beamte? Womöglich ein Einbürgerungstest?

Abiturzeugnis reicht als Sprachnachweis

Sachbearbeiter V bis Z öffnete die Tür. "Guten Morgen, Olaf Petersen", sagte er, ein freundlicher Mann Ende 30, Hamburger Tonart. Er wies mir einen Stuhl zu. Ich sagte, dass ich in Deutschland Abitur gemacht und studiert habe. Nun als Journalist arbeite. Frage: Brauche ich auch einen Sprach- oder Einbürgerungstest?

Petersen schaute in meine Unterlagen: "Alles kein Problem bei Ihnen. Abiturzeugnis reicht als Sprachnachweis. Sie haben sogar einen Rechtsanspruch auf die Einbürgerung." Umsonst ist das Deutschsein allerdings nicht zu haben. Bearbeitungsgebühr: 255 Euro, zuzüglich der Kosten für Personalausweis und Reisepass. Einzuzahlen im Kassenraum gegen Quittung.

In den folgenden Tagen füllte ich den Antrag aus. Trug ein, wie hoch Einkommen und Miete sind. "Sie müssen in der Lage sein, ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Unterhaltsberechtigten zu sichern", sagte mir Petersen. In einem anderen Formular die Frage: "Haben oder hatten Sie Kontakt zu Personen, die einer als gewaltbereit oder terroristisch eingestuften Gruppe angehören?" Ich kreuzte an: "Nein".

Kann es nur eine nationale Identität geben?

Was sollte aus meiner griechischen Staatsangehörigkeit werden, wenn ich die deutsche annehme? Seit 1999 dürfen EU-Bürger in Deutschland ihren alten Pass behalten, wenn sie sich einbürgern lassen. Ohne diese Regel hätte ich mich wohl nicht für das Verfahren entschieden. Ich kann nicht verstehen, wieso es nur eine nationale Identität geben soll.

Vor einigen Wochen fuhr ich nach Rostock, um herauszufinden, was die Politik von der Frage hält. Schließlich ist bald Bundestagswahl. In einer Mehrzweckhalle saßen Rentner, Studenten, Frauen, Männer. Aydan Özoğuz, die Integrationsbeauftragte der SPD, klickte durch eine PowerPoint-Präsentation. Thema: "Integration – Vom Nebeneinander zum Miteinander".

Statistiken. Kurvendiagramme. Prozentzahlen. Özoğuz erklärte, Menschen, die nicht aus der EU kommen, dürfen in Deutschland nicht ihren alten Pass behalten, wenn sie sich einbürgern lassen. Eine Ungerechtigkeit, sagte die Politikerin.

Kann ein Konservativer das verstehen?

Kompliziert wird es bei Kindern, deren Eltern nicht aus der EU kommen. Wenn sie in Deutschland geboren werden, bekommen sie zwar den deutschen Pass und den ihrer Eltern. Sie müssen sich aber später für einen entscheiden, spätestens wenn sie 23 Jahre alt werden. Das heißt Optionspflicht. Die SPD will sie abschaffen und die doppelte Staatsbürgerschaft für alle einführen. Sonst würden junge, voll integrierte Menschen dazu gedrängt, sich womöglich gegen Deutschland zu entscheiden.

Hätte ich mich für einen Pass entscheiden müssen, wäre ich wohl beim griechischen geblieben. Weil soviel in mir verwurzelt ist, die Sprache, die Familie, die Freunde. Sie sind ein Teil von mir.

Kann ein konservativer Politiker das verstehen? Die Kanzlerin und ihre Partei sind gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Im Bundestag traf ich Stephan Mayer, den innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Hundert Prozent konservativ kann der nicht sein. Im Sitzen rutschten seine Hosenbeine hoch. Pinkfarbene Socken.

Am Ende ein grünes Blatt Papier

Mayer könne nicht verhehlen, dass vielen die Entscheidung für einen Pass schwer falle. Aber die Erfahrung mit dem Optionsmodell zeige: "98 Prozent haben sich für die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden." Die meisten sagten auch, sie hätten sich immer schon als Deutsche gefühlt.

Mayer stellte eine Gegenfrage: Ist es nicht möglich, nur einen Pass zu besitzen und trotzdem unterschiedliche Wurzeln zu haben? "Ich glaube nicht, dass die Staatsbürgerschaft allein konstitutiv dafür ist, welche Identität ich in mir trage." Viel wichtiger seien Bildungsmöglichkeit, Aufstiegschancen, Durchlässigkeit der Gesellschaft.

Klingt fast so, als würde sich Mayer auf Immanuel Kant und dessen Kritik der reinen Vernunft beziehen. Der nämlich sagt, Identität kann sich nur durch eine Synthese bilden: "Nur dadurch, daß ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen in einem Bewußtsein verbinden kann, ist es möglich, daß ich mir die Identität des Bewußtseins in diesen Vorstellungen selbst vorstelle."

Auch da ist was dran. Die Einbürgerung an sich ist schließlich ein ziemlich profaner Akt. Das merkte ich an dem Tag, an dem ich tatsächlich Deutscher wurde. Wieder das Büro von Olaf Petersen. An der Wand das Elvis-Presley-Poster, auf der Fensterbank die Topfpflanzen.

"Ich würde Sie bitten, sich jetzt zu erheben."

Petersen hielt mir ein grünes Blatt Papier entgegen. Darauf der Bundesadler, die Aufschrift: "Einbürgerungsurkunde. Bundesrepublik Deutschland". Petersen: "Es ist mir eine Freude und Ehre, Ihnen nun mit Aushändigung dieser Urkunde die deutsche Staatsbürgerschaft verleihen zu dürfen." Händeschütteln. Das war's?

Ja, sagte Petersen. Seine Kollegen und er bemühten sich, den Tag der Einbürgerung so würdevoll wie möglich zu machen. Nicht selten flössen Tränen. Aber am Ende sei der Job vergleichbar mit dem eines Standesbeamten während einer Hochzeit. Es ist die Übergabe von einem Blatt Papier.

Ich glaube, dass ich dazugehöre

Im Festsaal des Hamburger Rathauses nimmt der Kinderchor Aufstellung. Noch immer hallen die Worte von Bürgermeister Scholz in meinem Kopf. Dass jeder eine innere Bereitschaft für die Einbürgerung mitbringen müsse. Dass man auch etwas dafür tun müsse. Bin ich in angemessener Stimmung, um Deutscher zu werden? Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht. Schule. Studium. Arbeit. Mich meist willkommen gefühlt. Ich glaube, dass ich dazugehöre.

Die Nationalhymne erklingt. Alle stehen auf. Ich stimme mit ein: "… Einigkeit und Recht und Freiheit". Beim Fußball würde ich trotzdem die griechische Hymne singen: "… σε γνωρίζω από την κόψη". Es lässt sich keine Antwort finden. Nationalitäten sind doch ein sehr abstraktes Konzept.