Keine Lizenz zum Abkotzen – Seite 1

In einem der nach objektiven Maßstäben freiesten Länder der Welt, Deutschland, glaubt ein Drittel der Bürger, es gäbe keine Meinungsfreiheit. Diesen erstaunlichen Befund brachte eine von ZEIT ONLINE in Auftrag gegebene Umfrage. Jeder dritte Deutsche also empfindet den eigenen, subjektiven Kosmos als geknebelt. Mit der "Alternative für Deutschland" bietet sich nun eine Partei an, zum Sammelbecken dieser Wut auf die vermeintliche Meinungsdiktatur zu werden.

Auch ohne Statistik: In vielen Debatten der vergangenen Monate ist das Unbehagen über Eingriffe in den persönlichen Artikulationsradius unüberhörbar. Der Beschwerdechor der angeblich Drangsalierten ist vielstimmig und reicht von der Rechtsrockband, die sich von öffentlichen Ehrungen ausgeschlossen sieht, bis zum liberalen Publizisten, der das "totalitäre Gebaren der Weltverbesserer" anprangert.

EU- und islamfeindliche Internetblogs wie Politically Incorrect und Unzensuriert gehören ebenso dazu wie die bürgerlichen Leser von Thilo Sarrazin, dessen Erkenntnisse über die Migration am Mainstream der "Moralapostel" abprallt. Feuilletonisten heulen wegen der Streichung des Wortes "Neger" aus Kinderbuch-Klassikern ebenso auf wie die Anhänger deftiger Hausmannskost, die um ihr "Zigeunerschnitzel" fürchten.

"Zensur" meint dann nicht mehr das Schwärzen unliebsamer Stellen durch den Staat (das es ja gar nicht gibt), sondern die kleine Beschneidung in Wort und Bild. Was früher einmal als legitimer Faustschlag in einem ideologischen Boxkampf weggesteckt worden wäre, gilt heute als Verletzung, die mit Empörung geahndet wird. Statt "Kommunist" heißt es heute "politisch Korrekter", der "Sexist" und "Rassist" hat den "faschistoiden Kleinbürger" als Feindbild abgelöst.       

Auch in der digitalen Sphäre, in der die Lizenz zum Abkotzen in die ungeschriebene Verfassung hineinreklamiert wird, tauchen schwarze Balken auf. "Entfernt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe", heißt es nicht selten unter den Kommentaren der ZEIT-ONLINE-Leser. Diese erregen sich dann wiederum über die vermeintliche Zensur. Gleichzeitig durchkämmt das Unternehmen Facebook die Seiten seiner Nutzer ganz ungeniert nach nackten Brüsten und rauchenden Joints – und stößt dabei auf erstaunlich wenig Widerstand der Betroffenen.

Im kommerzialisierten Raum der sozialen Netzwerke ist die Bereitschaft groß, auf das Recht auf Privatsphäre und Datenidentität zu verzichten. Umso ungehemmter nutzen Internetbewohner den Schutz der Anonymität, um einen anderen Frust zu artikulieren – auf Tugendwächter, grüne Regulatoren und den Großen Bruder in Brüssel. So ist der Aufschrei "Zensur!" längst Symptom einer grenzenlosen Meinungsfreiheit, deren eigentlicher Gegner doch keine linke Meinungsdiktatur wäre, sondern die Verwertungslust der Cyberoligarchen.

"Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!" titelte die Bild-Zeitung im Zuge der Sarrazin-Debatte und brachte damit eine diffuse Stimmung auf den Punkt, die Kritik mit Ressentiment verwechselt. "Darf man Israel etwa nicht kritisieren?", fragen manche und blicken ängstlich um sich, als stünde ein Mossad-Agent drohend hinter ihnen und als gehörte Israelkritik nicht ohnehin zur Lieblingsbeschäftigung von Stammtischen und Medien.

 "Geh' doch mal rüber!"

Es gibt keine Parteizentrale oder Gedankenpolizei, die die Köpfe der Menschen kontrolliert. Es ist der innere Zensor, der pausenlos Worte und Handlungen prüft. Die Zensurdebatte führt den Wandel vom kollektiven Verbot zur individuellen Selbstzensur vor Augen. Nicht die Freiheit der Journalisten steht auf dem Spiel, sondern der Meinungsnarzissmus ihrer Leser.

Als unlängst ein österreichisches Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage machte, gaben erstaunlich viele Befragte an, die Hitler-Zeit habe auch ihre guten Seiten gehabt. Die Nachricht von den ewiggestrigen Österreichern machte rasch auch im Ausland die Runde. Wäre die Frage etwas spezifischer gewesen, hätten einige "Verdränger" vielleicht nicht nur an den blauen Himmel und das leckere Jausenbrot in der Hitlerjugend gedacht. Auch Umfrageergebnisse sind Teil jener Öffentlichkeit, die dem dramatischen Spitzenwert mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem sachlicheren Durchschnitt. "Ein Drittel der Deutschen fürchten sich vor Zensur!" Diesem Drittel möchte man einen Slogan aus der vermeintlich guten, alten Blockzeit zurufen: "Geh‘ doch mal rüber!"