Der Bart ist buschig, der Kopfschmuck hoch. Wie jeden Abend zeigt sich Süleyman in voller Pracht im griechischen Fernsehen. Er ist der große Sultan. "Der zehnte Herrscher des Osmanischen Reiches", verkündet er stolz auf Türkisch – und im Untertitel erscheint die griechische Übersetzung.

Die Szene kennt jedes Kind in Griechenland. In Dauerschleife läuft der Werbespot für die türkische Seifenoper auf einem der größten Privatsender. Jeden Abend in der Woche schaltet ein Drittel aller Fernsehzuschauer ein. Die TV-Serie aus Istanbuler Produktion steht an der Spitze der Quoten-Charts. Wie kann das sein? Hätte man noch vor wenigen Jahren in Griechenland erzählt, dass man einen türkischen Film gut findet – viele hätten einen als Verräter beschimpft. 

Tief verwurzelt war das Misstrauen gegenüber der Türkei. Das gehörte zur nationalen Folklore, zum Gründungsmythos des griechischen Staates. Seit der Loslösung aus dem Osmanischen Reich vor knapp 200 Jahren predigten Priester, Lehrer, Militärs: Die Türken sind unsere Feinde. Ihre Kultur ist minderwertig, die osmanische Zeit muss aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden. Wie kann es sein, dass nun türkische Fernsehsendungen in Griechenland so außerordentlich beliebt sind? 

"Mein Gott, die Türken sind uns so ähnlich"

Süleyman ist nur eine von zehn Seifenopern, die griechische Sender seit dem Jahr 2005 gezeigt haben. Die meisten Produktionen feierten ähnliche Erfolge. Für das Phänomen gibt es eine Erklärung, sagt Dimitrios Triantaphyllou, Direktor des Instituts für internationale Studien an der Kadir Has Universität in Istanbul: "Die Fernsehzuschauer in Griechenland sagen: 'Mein Gott, die Türken sind uns so ähnlich.'" 

Der griechische Wissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit den Beziehungen der beiden Länder, war Berater des griechischen Außenministeriums, nun unterrichtet er in der Türkei. Er sagt: "Es gibt einen viel stärkeren Austausch zwischen den Menschen als früher. Sie interessieren sich füreinander und für ihre gemeinsame Geschichte." Das deutlichste Anzeichen dafür sei, dass der gegenseitige Tourismus stark wachse.  

Die entsprechenden Zahlen lieferte kürzlich der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan, auch wenn er dabei etwas ungenau blieb. "In jüngster Zeit" hätten jeweils eine Millionen Griechen und Türken ihr Nachbarland besucht. Das kann bereits als Erfolg des politischen Annäherungsprozesses gelten, denn die Visa-Vergabe war früher restriktiv.

Eingeleitet wurde der Wandel im Jahr 1999, als die Europäische Union der Türkei den Status des Beitrittskandidaten verlieh. Griechenland unterstützte den Antrag und erhoffte sich durch die Einbindung der Türkei in die EU mehr militärische Sicherheit und eine Lösung des Zypern-Konflikts. Doch diese Fragen sind bis heute ungeklärt. Auf internationaler Ebene bewegt sich seither wenig, die Menschen der beiden Länder aber kommen sich näher.