Zum Selbstbild der Konservativen gehört es, Hüter moralischer Werte, Normen und Tugenden zu sein, die von Liberalen oder Sozialisten leichtfertig aufs Spiel gesetzt oder ideologisch deformiert würden. Die Kirchen – heute die römisch-katholische und die orthodoxe – gelten der Bewahrerpartei als natürliche Verbündete im Kampf gegen den Sittenverfall.

Interessanterweise haben der christliche und der konservative Politiker jedoch ein recht unterschiedliches Image: Nach einer Allensbach-Umfrage 2012 vermutet die Bevölkerung beim Christen deutlich häufiger, dass er sich "für sozial Schwache" und "einen umfassenden Sozialstaat" einsetzt, "weltoffen, tolerant ist", "für die Freiheit eintritt" und "für den Umweltschutz". Weit weniger als beim Konservativen vermutet man bei ihm, "patriotisch, stolz auf sein Land" zu sein, Druck auf Ausländer auszuüben, "sich weitgehend an die deutsche Kultur anzupassen" und "gegen die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren" einzutreten.

Man mag diese Zuschreibungen mit medialen Stigmatisierungen des Konservativismus oder mangelhafter Kenntnis kirchlicher Morallehre erklären. Man könnte darin aber auch einen Sensus für das eigentlich Christliche erkennen. Schließlich hat auch die Mehrheit kirchenferner Menschen noch im kulturellen Fluidum des Christentums zu denken gelernt.

In der Tat ist die Logik Jesu von konservativen Denkweisen zu unterscheiden. Daher erscheint Vorsicht geboten, wo (National-)Konservative, publizistisch vertreten durch die "Junge Freiheit", parteipolitisch durch die "Alternative für Deutschland", die Kirche umarmen. Oder wo "Christlich-Konservative" den Schulterschluss mit der politischen Rechten suchen, sei es wegen inhaltlicher Schnittmengen wie beim Familienbild, sei es als Notlösung nach der christlichen Entkernung der Merkel-CDU.

Die neuen Allianzen am rechten Rand und die Vermischungen des "C" mit dem "Conservativen" haben Geschichte: Das historische Sündenregister des deutschen Nationalprotestantismus und die katholische Gefolgschaft für Spaniens Diktator Franco oder für Demokraten vom Schlage der Kaczynski-Brüder in Polen sollten Mahnung genug sein. Auch die Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für Putin zeugt von der ideologischen und interessenegoistischen Korrumpierbarkeit des recht(s)gläubigen Milieus.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der "Christ & Welt" © Christ & Welt

Offensichtlich geht christlicher Konservativismus, so sittenstreng er sich auch gibt, nicht mit einer moralischen Generalkompetenz einher. Sein Fokus richtet sich auffallend einseitig auf die Sexualität, zuletzt besonders auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften, während er zu Deutschlands schändlicher Rolle als "Bordell Europas" kaum zu vernehmen war. Die umweltethische Herausforderung wurde schon früher verschlafen. Zuvor stolperte man rechtsethisch dem Siegeszug von Religionsfreiheit und Menschenrechten und – bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – politisch-ethisch dem der liberalen Demokratie hinterher. Haben die Traditionalisten deren christliche Inspiration verkannt, so könnten sie sexual-
ethisch auch nicht ganz vorbildlich vom Evangelium her motiviert sein.

Papst Franziskus hat durch sein dröhnendes Schweigen zu den einschlägigen Reizthemen ein Signal der Relativierung gesetzt. Vor der Presse beim Brasilien-Rückflug auf Homosexuelle im Vatikan angesprochen, lautete seine Botschaft: Tiefer hängen! Dies sei "nur ein Problem von vielen". Es war auffällig, wie konservative Kommentatoren sich befleißigten, des Papstes Antwort als pure Katechismus-Bestätigung einzuordnen. Dabei weist eine Exegese seiner Sätze auf einen Impuls zum Umdenken hin: Der Homosexuelle wird hier nicht als "ungeordnet" zur Sünde neigend vorgestellt, sondern als unproblematisch im Vergleich zu Lobbyisten in der Kirche.

Eine bemerkenswerte Gewichtung. Dann wird er als Gottsucher und Mensch "guten Willens" angesprochen. Es folgt, unter dieser Prämisse, eine päpstliche Erklärung der Enthaltsamkeit von jeder Verurteilung, in resoluter Form: "Wer bin dann ich, ihn zu verurteilen?" Im Klartext: Die Erbsünde hat uns alle im Griff, da brauchen wir gar nicht bestimmte Gruppen oder Sexualsünden zu fokussieren. Dann verweist Franziskus auf das Diskriminierungsverbot des Katechismus und ruft dazu auf, Homosexuelle zu integrieren. Die gleichgeschlechtliche "Tendenz" sei "nicht das Problem". Wie Obama von "gay brothers and sisters", so spricht er in verbaler Inklusion von "Brüdern und Schwestern", um schließlich zum "schwerwiegenderen Problem" zurückzukehren: dem Treiben der Lobbys. Beispiel: "die Lobby der Geizhälse". Zum Schluss sagte er: "Ich danke Ihnen sehr, dass Sie diese Frage gestellt haben": ein Ausrufezeichen. Der Papst hat hier nicht, wie manche Medien suggerierten, die tradierte Morallehre revolutioniert. Doch wer seine neue Intonation und Gewichtung als kalten Katechismus-Kaffee zu verkaufen sucht, der handelt unredlich.

Abstoßend am konservativen Moralismus sind auch Selbstgerechtigkeit und Hochmut. Man hält sich für die wahre "Wertelite" und ist durch keinerlei Selbstzweifel angekränkelt. Gut, man geht treuer beichten, als es die liberale Kirchenfraktion nötig zu haben meint. Aber dies heißt noch nicht, dass man auch sensibel für eigene Irrtumsfähigkeit wäre oder habituelles Versagen jenseits der verinnerlichten Gesetzesgerechtigkeit erkennen würde.

Um beim Lieblingsthema des Milieus zu bleiben: Dass homosexuelle Jugendliche, die auf Schulhöfen als "schwule Sau" beleidigt oder in bornierten Elternhäusern drangsaliert wurden, ein erhöhtes Suizidrisiko haben, nahmen "Christlich-Konservative" als humanitäres Drama, an dem man sich mitschuldig gemacht haben könnte, überhaupt nicht wahr. Das Diskriminierungsverbot des Katechismus dient ihnen eher als Feigenblatt sexualmoralischer Verbotsrhetorik. Verinnerlicht haben sie es nicht. Sonst fielen ihre Kommentare zur russischen Sexualpolitik anders aus. Und trotz gegenteiliger Beteuerungen gilt ihre Abwertung oft nicht bloß der sündigen Handlung, sondern hinter vorgehaltener Hand der betreffenden Person. Dies verrät schon die Sprache.