Der 21-jährige Elias Molle hat ein Praktikum in einem Altenpflegeheim gemacht. In dieser Zeit hat er ein Tagebuch geführt, das wir in Auszügen veröffentlichen.

Erster Tag

Alt zu sein ist eine Krankheit. Man vergisst, wer man war, wer man ist, was man konnte, was man mochte und wusste. Und irgendwann wird man vergessen und von niemandem mehr gebraucht. Im Speisesaal wird mein Name gebrüllt, einige schauen mich daraufhin an, manche winken, keiner sagt was. Dann lerne ich die Kollegen und die Arbeit kennen.

Projekt: Pflege. Das heißt, der Alltag wird zur Hauptaufgabe. Du wirst am Leben erhalten, weil du nicht sterben darfst, doch du hast vergessen, ob du wirklich noch leben willst. Und ich weiß ja gar nicht, wie dein Alltag aussieht. Und ich kann dich doch nicht fragen: "Ist das dein Alltag?" Eine bettlägerige Frau mit einem Abszess am Rücken hat heute zu mir gesagt: "Ich war auch einmal so jung wie Sie und damals konnte ich mir auch noch nicht vorstellen, dass mir mal so eine Scheiße passiert."

Dann hat sie angefangen, zu weinen und ich musste meine Tränen unterdrücken und hoffen, dass ich nicht alt werde. Nein, so würde ich mir das später nicht wünschen. Da wünsche ich mir eher, dass ich vorher sterbe und in meinen letzten Momenten, mit meiner Liebe an der Seite, vor dem Sonnenuntergang sitze und einen Joint rauche.

Schockmoment – und auf einmal bin ich für alles dankbar, was ich habe, dass ich lebe und wie ich lebe.

Zweiter Tag

Er saß im Rollstuhl auf dem langen Gang, von dem links und rechts die Zimmer abgehen. Heute haben viele Menschen geweint, bereut, was sie in ihren vielen Jahren getan oder nicht getan haben, und sich vom Leben verabschiedet. Und auch er, der im Rollstuhl auf dem Flur stand, hat geweint, nach seiner Frau gerufen und wurde dabei immer wütender, bis er zu schwach dazu war.

Erst wurde er dafür bestraft, dass er so laut geworden ist, und deswegen auf sein Zimmer geschickt. Dann wurde ihm sein Wunsch erfüllt. Seine Frau kam. Sie war körperlich gesund und gepflegt, aber ihr Gesichtsausdruck war hässlich, fast bösartig. Er fragte sie als erstes, wo sie herkäme. "Von zu Hause", sagte sie und lachte. Er habe wohl Wahnvorstellungen, weil er sich ständig einbilde, dass sie ihn betrüge. Dann meinte sie, dass er wohl einen Albtraum gehabt habe.

Er hatte einen Albtraum und Wahnvorstellungen, während sich die anderen im Zimmer neben ihm lauthals vom Leben verabschiedeten oder ihm nachtrauerten.

Vierter Tag

Dir wird langweilig. Zwischen dem Schlafen und Essen denkst du an dein langweiliges Leben, das jetzt zu Ende geht. Heute Morgen fragst du mehrmals: "Wo ist meine Mama?" Ich kann es dir nicht sagen. Die anderen antworten dir, dass sie einkaufen gegangen ist und lachen.

Gegen Mittag fragen wir die Bewohnerin, ob sie gut geschlafen hat. Sie antwortet: "Ich habe sehr gut geschlafen und nur einmal den Notdienst gerufen." Aber, naja, irgendwer muss einen ja beschäftigen. Da reichen vielleicht auch deine Vorstellungskraft oder die Erzählungen der anderen. Oder Erzählungen über andere. Oder über andere von anderen.

Im Vorbeigehen kriege ich mit, dass du, an den Rollstuhl gefesselt, eine neue Tablette verschrieben bekommst, weil du so depressiv scheinst und ständig nach deiner Frau rufst. Die Tablette soll dir helfen, das alles hier besser zu ertragen. Bei dir reichen vielleicht nicht die Vorstellungskraft oder die Erzählungen der andern. Eher sollst du in deine eigenen Erinnerungen abtauchen. Wenn du aber keine Erinnerungen mehr hast, darfst du getrost sterben.

Eine weitere Folge erscheint morgen, am 19. Oktober 2013.