Endlich ist es da. Acht Monate und zwei Wochen, nachdem Jose Mario Bergoglio als erster Lateinamerikaner zum Papst gewählt wurde, stellt er sein erstes lehramtliches Schreiben und damit sein Regierungsprogramm vor. Anders als die erste Enzyklika, die noch ein "vierhändig geschriebenes Werk" mit überwiegenden Textanteilen des zurückgetretenen Papstes war, ist dies nun eine "ipsissima vox" des neuen Heiligen Vaters.

Und anders als all die Gesprächs-Aufzeichnungen zweifelhafter Bonität, anders als die indirekt reportierten Äußerungen aus den Morgenmessen in Santa Marta, anders auch als die Interview-Wiedergaben italienischer Journalisten mit ihren phantasiereichen Beimischungen liegt nun ein Text vor, den er selbst so verfasst, gewollt und unterzeichnet hat.

Mehr noch, es ist ein Text, von dem der Papst erklärt: "Ich betone, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet." Welche Konsequenz er meint, sagt er ebenso feierlich: "Ich fordere jede Teilkirche auf, in einen entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform einzutreten".

Da es ihm also mit diesem Text nicht nur um eine Zustandsbeschreibung geht, sondern um einen Anstoß zu Veränderungen, werden seine Worte umso aufmerksamer interpretiert werden. Jede Gruppe im innerkirchlichen Meinungsstreit wird ihn nach ihren "Stellen" durchsuchen. Was sagt er zum päpstlichen Primat, zur bischöflichen Kollegialität und zum priesterlichen Amt, was zur Stellung der Laien?

Mit großem Interesse beäugt werden auch die Sätze zur Homoehe (ablehnend!), zur Abtreibung (er ist gegen jede Liberalisierung!), zum Zölibat (kommt nicht vor) oder gar zum Priestertum der Frau (steht nicht zur Debatte…). Politiker und Gewerkschafter werden begierig die Sätze über die Armen, die Gerechtigkeit, die weltweite Solidarität durchscannen, und konservative Theologen können mit der Lupe nach möglichen Rissen zu den Lehren des Vorgängerpapstes suchen.

Ein neuer, frischer Geist

Mit Ausnahme der sehr entschiedenen Passage über die Abtreibung ("Dies ist kein Thema, das mutmaßlichen Reformen unterworfen ist. Es ist nicht fortschrittlich, sich einzubilden, die Probleme zu lösen, indem man ein menschliches Leben vernichtet.") spricht der Papst viele Themen so an, dass man je nach kirchenpolitischer Färbung daraus Wasser auf die eigenen Mühlen leiten kann. Es ist ein Text, der Konservative und Liberale, Verzagte und Begeisterte, kritisch Distanzierte und heftig Engagierte gleichermaßen ansprechen kann.

Unterschrieben ist der Text nicht mit dem schlichten Namen "Francesco" oder "Francis", sondern ganz offiziell, wie ein Papst signiert, mit "Franciscus PP". Der lateinische Titel "Evangelii gaudium", auf Deutsch "Die Freude des Evangeliums", greift zwei Schlagworte aus der Konzilsära auf: "Gaudium et spes" war das Schlussdokument des Reformkonzils, und "Evangelii nuntiandi" hieß der Titel des wichtigsten Schreibens von Papst Paul VI. ein Jahrzehnt danach. Und tatsächlich schöpft Franziskus in seinem ersten "Apostolischen Schreiben" eifrig aus Konzilstexten. Insbesondere aus "Lumen gentium" – quasi dem Grundgesetz der katholischen Kirche – und aus Texten der "Konzilspäpste" von Johannes XXIII. bis Benedikt XVI.

So weit ist es beinahe "normal", dieses päpstliche Schriftstück, das auf etwa 180 Seiten die katholischen Bischöfe, Kleriker, Ordensleute und Laien ermutigen und ihnen neue Wege zur Verkündigung der frohen Botschaft weisen soll. Aber wer jemals päpstliche Schreiben dieser Länge gelesen hat, spürt schon nach wenigen Sätzen, dass hier ein frischer Geist weht. Ähnlich hinreißend war es, wenn man die ersten Enzykliken Johannes Paul II. las: Plötzlich scheint eine ganz neue Lebenswirklichkeit hinter den Worten hervor.

"Individualistische Traurigkeit aus bequemen Herzen"

Schon im ersten Absatz, den Franziskus mit einer pessimistischen Beschreibung der Gemütsverfassung vieler Zeitgenossen beginnt, spricht er in dieser ungewohnten, unpäpstlichen, existenzialistischen Tonlage: "Die große Gefahr der Welt von heute mit ihren vielfältigen und erdrückenden Konsumangebot ist eine individualistische Traurigkeit, die aus einem bequemen, begehrlichen Herzen hervorgeht." Und weiter: "Auch viele Gläubige erliegen ihr und werden zu gereizten, unzufriedenen, empfindungslosen Menschen."

Analysen wie diese gehören zu den stärksten Passagen des Schreibens. Mit kräftigen Strichen zeichnet der Papst ein Bild der gegenwärtigen Menschen. Und besonders scharf, ja stechend, ist seine Analyse der kränklichen Befindlichkeit vieler Kleriker. Ein Beispiel: "Die Medienkultur und manche intellektuelle Kreise vermitteln gelegentlich ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Botschaft der Kirche… Daraufhin entwickeln viele in der Seelsorge Tätige, obwohl sie beten, eine Art Minderwertigkeitskomplex, der sie dazu führt, ihre christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verbergen." Oder: "Wieder andere, weil sie den wirklichen Kontakt zu den Menschen verloren haben, (verfallen) einer Entpersönlichung der Seelsorge, die dazu führt, mehr auf die Organisation als auf die Menschen zu achten."

Wenn der Papst ein so schmerzend realistisches Bild von der kirchlichen Wirklichkeit zeichnet, liegt das auch daran, dass er Erkenntnisse aus zahlreichen Bischofsdokumenten einfließen lässt. Er zitiert Texte der französischen, der US-amerikanischen, der brasilianischen oder asiatischer Bischofskonferenzen und zeigt damit, wie seine Anregung, das Lehramt der Bischöfe mit dem Papst kollegialer zu gestalten, Früchte tragen kann.

Aber natürlich bleibt er dabei nicht stehen. Wo er Wege aufzeigt, aus der aktuellen Verzagtheit heraus zu neuer Glaubensfreude und mehr missionarischem Schwung zu gelangen, greift er immer wieder auf Bischofsdokumente zurück – allen voran auf das realistisch-optimistische Schlussdokument der lateinamerikanischen Bischöfe, das diese unter redaktioneller Führung des Kardinals Bergoglio 2007 im brasilianischen Aparecida verabschiedet haben. Neben dem existenzialistischen ist es daher ein spezifisch lateinamerikanischer Ton, der diesen Text so besonders macht.

Dieser Text ist Christ und Welt entnommen