Dann bekam ich ein unmoralisches Angebot – und griff zu. Das Problem mit den Fahrtkosten war gelöst, einige andere auch. Seitdem fahre ich beruflich zweigleisig. Wenn ich es nicht täte, müsste ich aufstocken.
 Soweit die Geschichte meines Outings und wie ich zu der wurde, die ich bin.

Was ich daraus "gelernt" habe? Dass einem nach manchen Erfahrungen nur wenige
 Menschen bleiben, die man als Freunde bezeichnen kann, aber auf die ist dann auch Verlass.
 Und ich bin ein bisschen dünnhäutiger geworden und hellhöriger für die Doppelbödigkeit und Doppelzüngigkeit der Gesellschaft, in der ich lebe.
 Und richtig zornig werden kann ich über die Verbohrtheit und Selbstgerechtigkeit der "guten Bürger", von denen übrigens einige kräftig am Erotikgewerbe mitverdienen. Sei es als Vermieter, die Wuchermieten kassieren, sei es als Herausgeber von Tageszeitungen, die für Kontaktanzeigen total überhöhte Preise nehmen, oder als Hintermänner und Nutznießer von Großbordellen.

Ich bin keine Großverdienerin. Was die Auftragslage angeht, so gibt es bei mir wie bei anderen Freiberuflern auch Berge, Täler und Tiefebenen. Wenn es gut läuft, kommt monatlich ein dreistelliger Betrag dabei heraus, der uns in bescheidenem Maße das ermöglicht, was man gesellschaftliche Teilhabe nennt.

Ich habe getan, was die Neoliberalen predigen

Niemand kann mir einen Vorwurf machen. Ich liege nicht der Allgemeinheit auf der Tasche, sondern habe das getan, was uns von den Verfechtern des Neoliberalismus ständig gepredigt wird: Ich habe festgestellt, dass es für das, was ich anzubieten habe, einen Bedarf gibt und habe mir meinen Arbeitsplatz selbst geschaffen. Ja, ich verdiene einen Teil meines Lebensunterhaltes mit Sexarbeit und ich bin froh, dass ich mit über 50 diese Möglichkeit für mich entdeckt habe.

Ich bin dankbar, dass ich das Talent habe, Männer zum Träumen zu bringen, sie zu
 verwöhnen, ihre Sorgen anzuhören, die blauen Flecken auf der Seele wegzustreicheln und die Blessuren eines immer unmenschlicher werdenden Arbeitsalltags zumindest zeitweise vergessen zu machen.

Meine Gäste danken es mir mit Vertrauen und Respekt.
 Wenn ich vergleiche, wie die Kommunikation zwischen mir und meinen Gästen vonstatten geht und wie ich beim Jobcenter behandelt wurde, dann hat sich meine Situation zumindest in diesem Punkt entschieden verbessert. Ich gehe so weit zu behaupten, dass ich durch meine Gäste einen Gutteil des Selbstbewusstseins zurückgewonnen habe, der mir im Jobcenter abhanden gekommen war.

Einen Schönheitsfehler hat die ganze Sache aber doch: Ich bin keine typische Hure, jedenfalls nicht in den Augen von Alice Schwarzer. Sie charakterisiert mich und meinesgleichen in einem Interview in der Welt folgendermaßen:

"Sie (die Prostituierten deutscher Herkunft, im Unterschied zu den Migrantinnen) sind entweder in das Milieu hineingeboren worden. Oder sie haben schon als Kind lernen müssen, gefügig zu sein, sich mit Sex Zuneigung zu erkaufen, sind also Opfer von Missbrauch. Irgendwann stellen sie dann fest, dass es dafür sogar Geld gibt und ein bisschen Macht. Aber die verfliegt schnell. Was bleibt ist: Drei von vier Prostituierten sind abhängig von Drogen und Alkohol, zwei von drei werden im Job vergewaltigt, zwei von drei leiden unter posttraumatischen Störungen."

Die Frau muss es wissen. Ich lese das und fange an zu grübeln: Ich bin weder Junkie noch Alkoholikerin. Heißt das, dass ich ungeeignet bin für meinen Job als Hobbyhure? Immerhin: Posttraumatische Störungen habe ich. Dafür hat das Jobcenter gesorgt. Und zwar so gründlich, dass ich lieber auf den Straßenstrich gehen würde, als mich noch einmal in die Klauen dieser Institution zu begeben.

Wie soll die Gesellschaft mit Prostitution umgehen? Wie differenziert man zwischen Selbstbestimmung und Zwang? Ab 13 Uhr diskutiert Lady Hekate mit Ihnen im Kommentarbereich und gibt Auskunft über ihre Erfahrungen als Sexarbeiterin.