Die Zeile auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung lautete am Donnerstag so: "Ein Vater wendet sich von der Familie ab, enterbt den Sohn, hat keinen Kontakt mehr zu ihm. Und dennoch muss der Sohn die Pflegekosten tragen, urteilt der Bundesgerichtshof." Der Formulierung merkt man an, dass die SZ das Urteil missbilligt, und der Kommentar von Heribert Prantl begründet die Missbilligung.

Das Urteil ist insofern altmodisch, als es ein jahrhundertealtes Loyalitäts- und Verpflichtungsverhältnis in Erinnerung ruft. Es beruht auf Verwandtschaft und Familie. Menschen sind füreinander umso mehr verantwortlich, je enger sie durch Abstammung miteinander verbunden sind.

Das war nicht nur ein moralisches Gebot, sondern vor allem ein soziales, machtpolitisches Überlebensgesetz. Sicherheit nach außen und Daseinsvorsorge nach innen konnten nur Sippschaften und Stämme leisten. Der Mensch ist ein ewiger Nesthocker, der viel Zeit braucht, um auf die Füße zu kommen. Das Kind bedarf aufopfernder Zuwendung, ebenso der hinfällige Greis. Zuständig dafür war bislang die Familie.

Die meisten dieser Aufgaben haben wir heute an den Staat delegiert. Das fängt im Kindergarten an und endet im Pflegeheim. Wenn Verwahrlosungen und Missstände sichtbar werden, geißelt man das Versagen der Jugendämter oder Aufsichtsbehörden.

Auch das scheinbar eherne Gesetz der Genealogie ist schwach geworden. Einst war sie verantwortlich dafür, dass Kulturen entstehen und Traditionen überliefert werden konnten. Die Genesis ist voll von Geschlechtertafeln, und wenig scheint dem Evangelisten Matthäus wichtiger als die Abstammung Jesu aus dem Hause Davids.

Nun wäre es übertrieben zu behaupten, Abstammung und Herkunft spielten heute keine Rolle mehr. Noch immer gibt es Familien, die über Generationen hinweg die politischen und ökonomischen Geschicke eines Landes beeinflussen; und außer den altaristokratischen Dynastien gibt es, vor allem auch in den USA, die geldaristokratischen, denken wir nur an die Rockefellers, die Kennedys, die Bush-Familie. Das Wort "Familienbande" habe einen Beigeschmack von Wahrheit, hat Karl Kraus gesagt.

Doch die Entwicklung geht davon weg. Wenn Homosexuelle heiraten und in Zukunft vielleicht gar Kinder adoptieren dürfen, wenn es Leihmütter und künstliche Befruchtungen gibt, wenn Scheidungen zum Normalfall werden, dann spielt die alte Genealogie immer weniger eine Rolle. Ehe, Sexualität, Liebe und Fortpflanzung: Lange Zeit wurden sie als ein einziger Zusammenhang verstanden. Heute hängen sie nicht mehr voneinander ab.

Damit schwindet auch das Gefühl verwandtschaftlicher Zuständigkeit. Je schwächer die Familienstrukturen geworden sind, umso stärker die Hinwendung zur staatlichen Fürsorge. Man kann das begrüßen, wenn man sich vor Augen hält, dass traditionelle Stammesgesellschaften mit dem staatlichen Autoritätsanspruch nicht selten kollidieren und korrupte, mafiöse Strukturen bilden.

Das Urteil des BGH jedoch zeigt, dass der Staat mit seiner Allzuständigkeit nicht vollkommen glücklich ist und auf familiäre Basisleistungen noch nicht ganz verzichten will.