Die Stadt Hamburg wollte den Bürgern von Wilhelmsburg etwas Gutes tun. Deshalb richtete sie in dem Problemstadtteil auf der Elbinsel im vergangenen Jahr neben der Internationalen Bauausstellung die Internationale Gartenschau aus. Sie sollte das Viertel attraktiver und grüner machen. Doch kaum war die Gartenschau zu Ende, gruben Hunderte Bürger in dem als künftiger Inselpark gedachten Gelände Pflanzen und Sträucher aus für ihren eigenen Balkon oder Garten. Zurück blieb eine gerupfte Baustelle.

Die Moral der Geschichte: Egoismus siegt im Zweifel vor Gemeinsinn. Das Bewusstsein, für ihre Umgebung und die Gestaltung ihres Viertels selber verantwortlich zu sein, lässt sich den Bürgern von oben nicht verordnen. Es kann nur langsam wachsen – oder gar nicht.

Gibt es in Deutschland kein Gemeinschaftsgefühl mehr, keinen Respekt für allgemein akzeptierte Regeln und Werte? Ist sich jeder nur noch selber der nächste, ohne Rücksicht auf die Interessen der anderen und der Gesellschaft? Wenn man die aktuelle Debatte über die jüngsten Fälle prominenter Steuerhinterzieher und das lautstarke Geschimpfe über verlotterte Sitten vor allem der Reichen und Mächtigen verfolgt, kann man eher den gegenteiligen Eindruck gewinnen: Da fordert eine selbsterklärte Masse "kleiner Leute" von der verachteten Elite in moralinsauerer Weise die Beachtung sozial-ethischer Regeln.

Dahinter schlummert die Sehnsucht nach einer vermeintlich guten alten Zeit, als angeblich jeder noch wusste, was sich gehört und was nicht: Dass man sich nicht bereichert, ordentlich seine Steuern zahlt, arbeitet und andere, die Gesellschaft oder den Staat nicht betrügt. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Großorganisationen – wie aktuell der ADAC – sollen dabei natürlich mit gutem Beispiel vorangehen. Vielleicht, weil man sich an ihnen aufrichten will, wenn man selber einmal in Versuchung gerät, Normen zu verletzen.

Wehklagen über den Verfall von Sitte und Moral

Doch ist das verbreitete Wehklagen über den Verfall von Sitte und Moral – der sich angeblich beispielhaft in der sinkenden Bereitschaft, Steuern zu zahlen, manifestiert – tatsächlich berechtigt?

Ohne Zweifel haben sich die Vorstellungen über sozial angemessenes Verhalten in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert. Statt an einem mehr oder weniger einheitlichen Wertekanon aus vermeintlich deutschen Tugenden, der im Elternhaus, an den Schulen, durch Kirchen, Parteien, Verbände oder Gewerkschaften vermittelt wurde, orientieren sich die Menschen heute an ganz unterschiedlichen Leitbildern.

Die Gesellschaft zerfällt in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen mit jeweils eigenen Wertvorstellungen. Sie beanspruchen nicht unbedingt eine Allgemeingültigkeit ihrer eigenen Lebensweise. Aber sie wehren sich immer häufiger dagegen, die Vorstellungen anderer zu akzeptieren.

Gleichzeitig üben die Individualisierung und Parzellierung der Gesellschaft, der Wegfall sozialer Bindungen, verbunden mit einer gewachsenen Konkurrenz im globalisierten Kapitalismus, auf den Einzelnen immer stärkeren Druck aus, für sich selbst zu kämpfen. Rücksichtnahme auf andere und eine nebulöse gesellschaftliche Ethik erscheinen da oft als ein Hindernis.