Jede erfolgreiche Revolte hat ihren Schabowski-Moment. Den Zeitpunkt, an dem auch dem Letzten klar wird, dass es vorbei ist – nicht sofort, aber bald. Als 1989 Günter Schabowski mit einer verunglückten Pressekonferenz versehentlich die Mauer einriss, wusste jeder, dass die Tage der SED gezählt sind.

In Franken herrscht kein Diktator, sondern nur die CSU. Und der Streit, um den es hier geht, betrifft nicht die Menschenrechte, sondern nur eine Stromleitung. Doch trotzdem wähnt sich eine Seite in einer Art Revolution. Und ihren Schabowski-Moment hat sie schon erlebt.

Es war eine unscheinbare Pressemitteilung auf Verfahrenstechnikerdeutsch, die vor sechs Wochen den Sturm über Franken hereinbrechen ließ. Der Netzbetreiber Amprion hatte mehrere Korridorvorschläge für eine Stromleitung vorgelegt, die einmal Strom von Sachsen-Anhalt nach Bayern transportieren soll, wo im Jahr 2015 das erste von mehreren AKW vom Netz geht. Die Leitung ist von Bundestag und Bundesrat beschlossen – auch von Horst Seehofer, der neuerdings Trassengegner ist.


Über 450 Kilometer soll sie überbrücken, um die 70 Meter sollen die Masten nach oben ragen. Nicht mal die schlechteste Idee von Amprion also, noch vor dem offiziellen Antrag bei der Bundesnetzagentur drei Infoabende zu organisieren, bei denen Kritik der Bürger aufgenommen werden sollte. Doch sie scheiterte grandios.

"Mörder! Lügner!"

Die Videos, die von diesen Abenden im Netz stehen, sind Gemälde bürgerlichen Kontrollverlustes. Im Dämmerlicht der Nürnberger Meistersingerhalle sieht man Hunderte wutroter Gesichter vor selbstgemalten Transparenten. Überall ist Brüllen und Pfeifen, als Amprions Projektsprecherin Joëlle Bouillon versucht, das Projekt vorzustellen. "Mörder" und "Lügner" rufen sie. An diesem Abend wird  klar, wie stark Amprions Gegner sind.

Was danach geschah, interessiert inzwischen auch Sozialwissenschaftler. Innerhalb weniger Wochen gründeten sich noch im kleinsten fränkischen Dorf Protestgruppen; Landräte und Bürgermeister im Kommunalwahlkampf schwören Widerstand. Kein Landespolitiker ist mehr sicher vor kleinen Trupps mit Transparenten, auf denen durchgestrichene Strommasten zu sehen sind. 

"Monstertrasse" heißt die Leitung bei den Leuten. Das zweite Lieblingswort lautet "Wackersdorf". "Wir sind die 68er", schreit einer. "Wir haben damals die Unis blockiert. Jetzt haben wir Berufserfahrung und Netzwerke, von denen Ihr nicht mal träumt."

Lieblingsparole "Wackersdorf"

Günther Bock sitzt an einem Küchentisch im fränkischen Hof und erinnert sich an den Abend in Nürnberg. Bock – Brille, Pullover, hageres Gesicht, leicht ergraute Haare – spricht leise und knapp. "Man muss Amprion dankbar sein", sagt er. "Ohne diese Abende hätten wir nie so gut mobilisiert."

Bock ist berufstätig, arbeitet im Kirchenvorstand und verhindert Großprojekte. Nüchtern berichtet er davon, wie er neun Jahre lang gegen die Fichtelgebirgsautobahn kämpfte. Seine Bürgerinitiative widerlegte die Verkehrsdaten der Bundesregierung mit eigenen Messungen, sie mühte sich um die Anwohner der B 303, die sich von der Autobahn eine Entlastung erhofften. Am Ende kam die Autobahn nicht. "Der Erfolg", antwortet er auf die Frage, was das Beste am Arbeiten in Bürgerinitiativen sei.