Der Präsident erkundet die eigene Hauptstadt: Neukölln, Wedding, Kreuzberg. Bundespräsident Joachim Gauck ist unterwegs in Stadtteilen, denen in Berlin der Begriff Problemkiez anhaftet. Im Wedding erinnert sich Gauck an seinen ersten Besuch hier gleich nach dem Mauerfall. "Es war irgendwie schmuddelig, irgendwie gammelig", sagt er. "Das mochte ich nicht." Inzwischen ist Gauck Bundespräsident, die Integration von Zuwanderern soll ein Schwerpunkt seiner Amtszeit sein. "Multikulti macht zunächst einmal Angst", sagt Gauck. Aber: "Wir sind dabei zu begreifen, dass wir ein Einwanderungsland sind."
Es hat sich was angestaut hier in Berlins Migrantenkiezen, wo die Minderheit längst zur Mehrheit geworden ist. Gauck spricht mit Zuwanderern, Lehrern, Sozialarbeitern. Er hört von verbreiteter Armut, die Bildung und Aufstieg behindert, vom gegenseitigen Misstrauen zwischen Migranten und Behörden, von der Selbstisolation mancher Migranten, von fehlendem Geld für Integrationsprojekte – und von Menschen, die sich ehrenamtlich für die Integration engagieren.
Gauck sieht Nachholbedarf bei der Einstellung jener Landsleute, die durch biologische Herkunft Deutsche sind – er nennt sie an diesem Tag salopp "die Bio-Deutschen". "Unser Land ist zu einem Einwanderungsland geworden", sagt er – nur hätten das viele Deutsche noch nicht gemerkt. Einen Rückstand bei der Selbstdefinition unserer Gesellschaft, nennt Gauck das. "Was wir nicht mehr haben wollen und haben können, ist eine ethnisch reine Gesellschaft."
Gauck will an Wulffs Arbeit anknüpfen
Was aber tritt an deren Stelle? In einem Kreuzberger Café diskutiert Gauck mit jungen Migranten. "Wir müssen klarmachen, dass jeder, der sich nach dem Grundgesetz verhält, dazugehört ohne Wenn und Aber", sagt ein junger Mann mit iranischen Wurzeln. Er klagt: "Ich werde immer auf meine Herkunft angesprochen." Andere berichten vom Hin- und Hergerissensein zwischen den Kulturen. "Wir sind unterwegs zum Miteinander", resümiert Gauck nüchtern. "Es wäre aber Quatsch zu sagen, wir haben es erreicht."
Das Thema Integration erbte Gauck sozusagen von seinem Vorgänger Christian Wulff, der bei Migrantenverbänden hohes Ansehen erworben hatte. "Ich war ein Riesenfan von ihm", sagt im Café eine junge Deutsch-Türkin. Bei Gauck sei sie zunächst skeptisch gewesen, räumt sie ein. Gauck antwortet, er will "mit Sicherheit seine Arbeit fortsetzen", vielleicht nicht mit den gleichen Worten, aber mit der gleichen Energie.
"Probleme auch offen benennen können"
Im Neuköllner Modellprojekt Stadtteilmütter bemühen sich engagierte Frauen mit Migrationshintergrund, Zuwandererfamilien durch direkte Ansprache aus der Isolation zu holen. "Viele Familien sind sehr konservativ, sehr zurückgezogen", berichtet Projektleiterin Maria Macher. Mit Gauck am Tisch sitzen eine Sekretärin aus Burkina Faso, eine Juristin aus Marokko, eine berufslose Deutsch-Libanesin aus Neukölln. Es geht um Hindernisse bei der Integration.
"Man muss die Probleme auch offen benennen können", sagte Gauck und fängt selbst damit an. Was denn der Ehemann zu dem Engagement als Stadtteilmutter sage? Und wie es sich gerade mit den Roma in Neukölln verhalte, die integrationspolitisch als besonders schwierig gelten.
Eine Stadtteilmutter aus Rumänien, selbst siebenfache Mutter, erzählt: Am Anfang sei es "sehr schwierig" mit den Roma gewesen. Das Vertrauen der Roma-Mütter zu gewinnen, sie zur Einschulung der Kinder zu bewegen, das dauere lange.
"Behindern die Männer dabei?", fragt Gauck. "Dann geht es gar nicht", antwortet die Stadtteilmutter. "Na ja", entgegnet Gauck. "Das ist ein Aspekt, der wird uns lange begleiten." Er wolle dabei helfen und ausdrücklich jenen widersprechen, die so idiotisch seien, alte Konzepte von Nationalismus zu neuem Leben erwecken zu wollen.
Der Präsident erkundet die eigene Hauptstadt: Neukölln, Wedding, Kreuzberg. Bundespräsident Joachim Gauck ist unterwegs in Stadtteilen, denen in Berlin der Begriff Problemkiez anhaftet. Im Wedding erinnert sich Gauck an seinen ersten Besuch hier gleich nach dem Mauerfall. "Es war irgendwie schmuddelig, irgendwie gammelig", sagt er. "Das mochte ich nicht." Inzwischen ist Gauck Bundespräsident, die Integration von Zuwanderern soll ein Schwerpunkt seiner Amtszeit sein. "Multikulti macht zunächst einmal Angst", sagt Gauck. Aber: "Wir sind dabei zu begreifen, dass wir ein Einwanderungsland sind."