Herrscht in diesem Land ein Terror der Tugendwächter? Nein, weil das ideologisch korrekte Denken, das von jenen verordnet werden soll, die nicht denken können, nicht ernstlich eine Tugend genannt werden kann. Und zweitens nein, weil Terror ein viel zu starkes Wort ist. Wer die Hitze nicht verträgt, so lautet die alte Redewendung, hat in der Küche nichts verloren. Man kann allerdings beobachten, dass die Hitze zugenommen hat.

Moritz von Uslar hat mit Thilo Sarrazin einen Spaziergang gemacht. Seinen Bericht darüber kann man in der aktuellen ZEIT nachlesen. Darin wird vermerkt, Sarrazin könne mit seinem jüngsten Buch Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland keine Lesereise machen. "Der Druck der radikalen Demonstranten", so der Autor, "sorgt dafür, dass Veranstalter vor Lesungen zurückschrecken."

Auch Martin Walser hatte einige Jahre mit Demonstranten zu kämpfen, die ihm Antisemitismus vorwarfen und seine Lesungen verhindern wollten. Die unberechtigte Kritik bezog sich auf Äußerungen Walsers in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises 1998. Noch heute muss er mit Störungen rechnen.

An der Berliner Humboldt-Universität gab es kürzlich Tumult. In einer Vorlesung hatten einige Studenten philosophische Texte als diskriminierend empfunden. Eine Stellungnahme des Asta monierte, Hegel, Rousseau und Kant verbreiteten aus einer eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten.

Jürgen Kaube machte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 19. März auf den Vorgang aufmerksam und berichtete von ähnlichen Konflikten an amerikanischen Universitäten. Er spitzte das Problem auf die Frage zu, ob allein die Beleidigten das Recht hätten, zu definieren, was eine Beleidigung sei.

Zusätzlich kann man fragen, wer sich zu den Beleidigten rechnen darf. Die Demonstranten gegen Sarrazin und Walser agieren stellvertretend. Sie sprechen im Namen anderer, die sich gekränkt fühlen könnten. So wie die Humboldt-Studenten im Namen einer aufgeklärten Moderne den alten Paternalismus verdammen.

Es liegt auf der Hand, dass dieser Moralismus, der gar nicht neu ist, sondern eine lange und deutsche Tradition hat, niemandem nutzt. Bücher und Texte, die der allgemeinen Zustimmung sicher sein können, bringen ja niemanden weiter. Nur am Widerspruch schärft sich das Argument. Die zahlreichen Ismen, ob Feminismus, Antirassismus oder Antisexismus, dienen allzu oft nur dazu, sich in die Festung einer unanfechtbaren Moralität zurückzuziehen.

Das war auch den Reaktionen auf die eindrucksvolle Dresdner Rede Sibylle Lewitscharoffs abzulesen. Sie entzündeten sich an gewissen pointierten Wortwendungen. Die Selbstermächtigung des wissenschaftlich aufgerüsteten Menschen jedoch, wie sie in der Reproduktionsmedizin zum Ausdruck kommt, wurde kaum irgendwo diskutiert.

Nein, Tugendterror kann man das alles nicht nennen. Es handelt sich um Rechthaberei, um Empörungslust, um Denkfaulheit. Wer da nicht mitmacht, braucht gute Nerven.