Im Dossier der aktuellen ZEIT geht es um Regeln: Gibt es in Deutschland zu viele Verordnungen, Vorschriften und Verbote? Hier berichten Korrespondenten, wie es in ihren Ländern mit den Regeln aussieht. Folge 4: Belgien

Der Umgang mit Kindern, die Schul- und Betreuungskultur gehörte und gehört für uns zu den größten Diskrepanzen, die wir zwischen Belgien und Deutschland erfahren: Einerseits ist die "Fremdbetreuung" gang und gäbe, mit zwei, drei Monaten gehen die Kleinen selbstverständlich in die Krippe, wenn es sein muss auch zehn Stunden. Die Plätze hierfür ist sind da; dass Kinder zu einem großen Teil außerhalb der Familie erzogen werden, ist vollständig akzeptiert.

Andererseits lässt man die Kinder nur ungern alleine vor die Tür, Fahrradfahren gilt als viel zu riskant, und in der École Primaire herrscht bis zur sechsten Klasse ein strenges Abholregiment. Kein Kind darf alleine den Schulhof verlassen, komplizierte Regeln bestimmen, welches Elternteil wann wo zu sein hat. Mit dem Ergebnis, dass sich um 15.30 Uhr stets eine hübsche Elternschlange vor dem Schultor bildet, die sogenannte rang des parents. Frühe Aushäusigkeit und umfassende Kontrolle gehen Hand in Hand.

Allgemein ist Belgien ein Land mit vielen Polizisten, hohen Steuern und ebenfalls hohen Sozialabgaben. Entsprechend groß sind Steuerbetrug, Steuervermeidung und Schwarzarbeit. Dieser Zusammenhang ist zwar nicht exklusiv belgisch. Aber insgesamt ist das Verhältnis zur Autorität und Autoritäten schizophren: In der Schule wird gebimst wie anno dunnemal, Widerspruch ist nicht erwünscht und auf der Straße tummeln sich, wie gesagt, die Polizisten. Die Belgier reagieren darauf mit einer stoischen Ruhe und einer noch stoischeren Anarchie.

Ungewöhnlich, zumal für ein katholisch gewirktes Land, sind die liberalen – oder laxen – Regeln, die die ersten und die letzten Dinge betreffen: Die Krankenkassen bezahlen alle möglichen und unmöglichen Formen der künstlichen Befruchtung; Sterbehilfe ist legal. Gerade erst wurde ein Gesetz verabschiedet, wonach künftig auch todkranke Minderjährige – unter strengen Auflagen, versteht sich – Sterbehilfe in Anspruch nehmen können.