Im Dossier der aktuellen ZEIT geht es um Regeln: Gibt es in Deutschland zu viele Verordnungen, Vorschriften und Verbote? Hier berichten Korrespondenten, wie es in ihren Ländern mit den Regeln aussieht. Folge 5: Brasilien

Es gibt einen eigenartigen Nationalhelden in Brasilien, den keine andere  Kultur in dieser Form kennt: den Malandro, den schlauen Trickser, der mit einer Mischung aus Charme und Schläue jeden Alltag meistert. Der Spielertyp und Underdog, der mit kleinen Gaunereien und großem Herzen eine bescheidene Existenz bestreitet.

Der Malandro spielt in der nationalen Literatur seine Rolle (Jorge Amado), in der Popmusik (Chico Buarque), auch in den großen soziologischen Studien über die brasilianische Gesellschaft (Roberto DaMatta) und im Alltag sowieso.

In Rio de Janeiro kennt jeder einen solchen Typen aus seiner persönlichen Bekanntschaft. Er wird mit einer Mischung aus Herablassung, aber eben auch Bewunderung über ihn sprechen. Er ist natürlich ein Klischee – aber eines, das man im richtigen Leben stets wiedererkennt. Der Malandro hat eine gute Ausrede, wenn ein Polizist ihn im Straßenverkehr anhält: eine perfekte Geschichte, warum der gerade festgestellte Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung unbedingt notwendig war, dargeboten mit einem herzlichen Lächeln und Komplimenten für den Vertreter der Obrigkeit. Der Malandro verführt mit Charme, Tricks und Lügen die Frauen und überzeugt sie dennoch alle von seiner Rechtschaffenheit. Der Malandro lässt im Supermarkt anschreiben, er erschleicht sich Privatkredite von seinen Mitmenschen und schiebt ihre Rückzahlung dann jahrelang mit herzerweichenden Geschichten auf. Nur bei einer rechtschaffenen Arbeit ist er selten anzutreffen.

Es ist ein Rätsel, warum eine solch marginale Figur, deren hauptsächliche Leistung im geschickten Bruch gesetzlicher oder ungeschriebener gesellschaftlicher Regeln besteht, in Brasilien so viel Anerkennung entgegen gebracht wird. Die Gesellschaftsforschung und Literaturwissenschaftler, die sich um diese Frage kümmern, bringen in der Regel den wuchernden, übermäßig bürokratischen brasilianischen Verwaltungsapparat ins Spiel, der sich in der Tradition der Portugiesen im Lande entwickelt hat; der eher verhindert und verbietet, als die Dinge im Land zu ordnen, der zur politischen Machtausübung missbraucht wird und als Hort der Korruption gilt.

Der Malandro, das sei der kleine Mann, der sich im Namen aller bürokratiegebeutelten Brasilianer an den Verhältnissen rächt. Hinter der Bewunderung für den Malandro steckt – in dieser Interpretation – vor allen Dingen also eine tief sitzende Erfahrung: dass man den Regeln misstrauen muss, dass sie von den Mächtigen geschrieben werden, dass sie zuallererst den Interessen der Regelmacher dienen und erst dann, wenn überhaupt, dem Allgemeinwohl.

Die neue Begeisterung für Recht und Regeln

Der Malandro lebt, und die Bewunderung für ihn ebenso. Doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert. Es gibt auch eine andere, gegenläufige Entwicklung in Brasilien: eine neue Begeisterung für Recht und Gesetz und Regelwerke. Sie geht von der oberen Mittelschicht aus, die solche Vorschriften macht; der Ansatz ist sozialreformerisch.

Wer in Rio de Janeiro abends Auto fährt,wird mit großer Wahrscheinlichkeit in eine Verkehrskontrolle der Polizei geraten, die Alkoholkontrollen durchführt: Lei Seca heißt das Gesetz, das null Promille vorschreibt, und da kann man sich bei den Beamten nicht herausreden, das nehmen sie ernst. Die Regeln zum nüchtern Fahren werden neuerdings auch weitgehend eingehalten. 

Lixo Zero lautet ein weiteres Gesetz aus der Null-Toleranz-Denkschule: Wer auf der Straße in Rio oder am Strand der Copacabana ein Kaugummipapierchen oder eine Coladose wegwirft, kann mit umgerechnet mehreren hundert Euro Strafe belegt werden – und auch das wird unerwartet konsequent umgesetzt. An der Spitze dieser Entwicklung stehen Leute wie der Bürgermeister von Rio, Eduardo Paes, die sich viel bei Rudi Guiliani abgeschaut haben, dem berühmt berüchtigten Bürgermeister im New York der späten neunziger Jahre, der dort mit viel Gewalt seine Vorstellung von Recht und Ordnung umsetzte.

Ein Problem ist, dass die Vorschriften und Strafen – in bester brasilianischer Tradition – so munter erlassen wurden, und dass die Strafregister für den Fall von Verstößen so willkürlich zusammengestellt wurden, dass sich absurde Situationen ergeben: Da sitzen Leute im Gefängnis, weil sie Spülmittel in ihrem Rucksack transportiert haben (verboten, weil man daraus Molotow-Cocktails bauen könnte), da wird Beamtenbeleidigung stärker geahndet als mancher Diebstahl. Die neue Regelungswut in großen Teilen des Landes könnte also über kurz oder lang vor allem den Zynismus bestärken, Proteste oder den ganz persönlichen Widerstand. Kann sein, dass Lixo Zero und Lei Seca gerade eine neue Generation Malandros hervorbringen.