Hunger, das war sein erster Gedanke, als er ihnen in die Augen sah. Erschöpfung. Und Angst, nackte Angst. Elf junge Afrikaner saßen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, ganz still und in sich gekehrt. Die Touristen um sie herum fotografierten Jesus, der seine Arme im Licht der blauen Mosaikfenster über einer imaginären Gemeinde ausbreitet. Pastor Martin Germer hätte den Afrikanern gar nicht in die Augen gesehen, wenn da nicht dieser Telefonanruf gekommen wäre.

Es war Sonntag, gegen 14.30 Uhr. Sein freier Tag. Der Pastor der evangelischen Gemeinde war gerade umgezogen und dabei, die letzten Kisten auszupacken. In seiner Kirche säßen Flüchtlinge aus Afrika, erklärte ein Mann, der seinen Namen nicht nannte, ein sogenannter "Unterstützer".

Er, Germer, habe bestimmt schon von den Männern gehört. Es seien die Flüchtlinge vom Alexanderplatz, jene, die dort in einem toten Winkel tagelang ohne Essen und Wasser ausgeharrt hatten, bevor sie ihren Hunger- und Durststreik wieder beendeten, am Rande der Erschöpfung und weil die Öffentlichkeit kaum Notiz von ihnen genommen hatte. Jetzt suchten sie in seiner Kirche Asyl.

Der Dutschke-Vorfall

Martin Germers Kirche ist nicht irgendeine Kirche. Ihr Turm wurde 1943 im Bombenhagel zerstört. Man baute einen modernen daneben und ließ den kaputten stehen, ein hohler Zahn, der in den Himmel ragt. Ein Mahnmal. Ein Ort, der schon immer politische Aktivisten angezogen hat.

Rudi Dutschke hat hier 1967 den Heiligabendgottesdienst gesprengt. Ein Besucher prügelte ihn mit dem Krückstock aus dem Gotteshaus. Seither, sagt Germer, sei die Kirche vorsichtig mit politischen Aktionen. Zuletzt hat es hier am Tag der Menschenrechte ein Benefizkonzert für die afrikanischen Flüchtlinge gegeben, die schon seit über einem Jahr auf dem Oranienplatz in Kreuzberg kampierten.

Das alles ging dem Pastor durch den Kopf, als er an jenem Sonntag die Menschentraube vor der Kirche erblickte. Irgendwer hatte die Medien informiert. Vor dem Eingang standen Journalisten Spalier. Eine Show, dachte Martin Germer. Eine Show, das denken auch andere in Berlin. Der Verdacht liegt wie ein Schatten über einer Geschichte, die vom Asylrecht erzählt und davon, was mit Menschen passiert, die sich in den Fallstricken dieser Gesetze verfangen.

Erschienen in Christ & Welt

Es sind Flüchtlinge aus Afrika, für die sich deutsche Behörden nicht zuständig fühlen, weil sie über einen sicheren Drittstaat nach Europa gelangt sind, über Italien, genauer: über Lampedusa. Doch diese Menschen müssen in dieser Geschichte ohne Gesicht bleiben. Sie wollen nicht erzählen, wer sie sind und woher sie kommen.

Ihr Sprachrohr sind die sogenannten Unterstützer. Auch sie nennen ihren Namen nicht. Dem Pastor der Gedächtniskirche vermitteln sie sehr eloquent, was man jetzt auch auf der Homepage einer Initiative nachlesen kann, die sich Asylum Rights Evolution nennt: dass nämlich die Kirche gar kein Recht habe, die Flüchtlinge wieder wegzuschicken.

Eine Woche nach jenem Mai-Sonntag sind die elf Afrikaner immer noch da, auf dem Bürgersteig vor der Kirche. Man erkennt sie kaum. Sie haben kein Gepäck bei sich und machen auch sonst den Eindruck, als seien sie da nur zu Besuch. Männer in Canvas-Hosen, Windjacken und Sneakers. 

Kirche ist kein rechtsfreier Raum

Ihre Bitte um Kirchenasyl hat ihnen die Gemeinde ausgeschlagen. Wie solle das denn auch gehen?, fragt Martin Germer. Menschen, die ihre Identität nicht preisgäben. Von denen man nichts wisse. Wie solle die Kirche die denn schützen? Das Gotteshaus sei kein rechtsfreier Raum, Kirchenasyl kein Grundrecht.

Germer ist seit neun Jahren Pastor in der Gemeinde, ein geschmeidiger Mittfünfziger. Jetzt rauft er sich die Haare. Er hat sich öffentlich in die Nesseln gesetzt, als er gesagt hat, die Afrikaner bekämen kein Asyl. Es passt ja auch nicht zum Bild der bedingungslosen Nächstenliebe, das viele von der christlichen Kirche haben.

Germer seufzt. Er hat dunkle Ringe unter den Augen. Er sagt, er wisse nicht, wie oft er diesen Satz schon wiederholt habe. Dass nämlich die Kirche nur denen Asyl gewähren könne, von denen sie wisse, dass ihr Leben in Gefahr sei, wenn sie der Staat in ihr Herkunftsland abschiebe.

Immer mehr Fälle von Kirchenasyl

"Vertrauen ist das A und O." So diplomatisch formuliert es Hanns Thomä, seit 1984 der Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und als solcher einer der profiliertesten Experten zum Thema Kirchenasyl. Die Zahl der registrierten Fälle ist in den vergangenen Jahren gestiegen. 27 waren es bundesweit 2009, allein in diesem Jahr waren es bislang schon 87. So steht es in der Statistik der ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche".

Sie wurde vor 20 Jahren als Reaktion auf den Asylkompromiss der Bundesregierung gegründet, der einer rigideren Abschiebepraxis den Weg ebnete. Die Kirchen empfahlen sich als Anwälte der Asylsuchenden. In 75 Prozent der Fälle, heißt es in einer Bilanz der Initiative, konnten sie tatsächlich eine Abschiebung verhindern. So wie zuletzt in Hamburg, wo die evangelische St.-Pauli-Kirche im Oktober 2013 gleich 80 Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem afrikanischen Libyen Asyl gewährte, erst in der Kirche, dann in Bauwagen auf dem Gelände davor.