Im Jugendkeller des Bürgerhauses Neu-Etzweiler passiert gerade etwas nicht Jugendfreies. Das haben Jugendkeller zwar so an sich, aber dieser Fall ist ungewöhnlich. Alexander Quednau haut mit einem Hammer auf ein Fass. Eine johlende Menge vor sich. Rund 150 überwiegend junge Männer haben sich um Stehtische versammelt, trinken Kölsch, essen Mettbrötchen. 

Zwischendurch hebt einer von ihnen die Hand und wirft mit der anderen 50 Cent in eine der Schalen auf dem Tischen, und Quednau ruft: "Acht Euro vom kleinen Benni, zum Ersten, zum Zweiten…" Weiter kommt der  27-Jährige nicht, wieder schnellen Arme in die Höhe, "8,50 von Arpad, neun Euro vom Schorn", irgendwann heißt es "90 Euro für Nino zum Ersten, zum Zweiten…"

Nein, hier geht es nicht um gebrauchte Fernseher oder Fahrräder, sondern um Frauen. Frauen, die gerade 16 Jahre alt sind, oder weit über 30, genau genommen geht es in dieser Frühjahrsnacht um alle unverheirateten Frauen des Ortes Neu-Etzweiler bei Köln. Keine von ihnen kann sich dagegen wehren, dass sie in Abwesenheit versteigert wird. So will es die Tradition der Maigesellschaft Holdes Grün Etzweiler, die immerhin schon über hundert Jahre alt ist.

Tradition der Entwurzelten

Der Ort Neu-Etzweiler dagegen ist noch jung, denn das ursprüngliche Dorf ist von einem Energiekonzern abgebaggert worden – wegen der Braunkohle, die unter dem traditionsreichen Boden begraben lag.  Etzweiler wurde Ende der neunziger Jahre umgesiedelt. "Die Umsiedlung hat dem Verein gut getan", sagt Quednau, der "Usklöpper" der Auktion. Und es scheint tatsächlich so, als seien die Traditionen der Entwurzelten nur noch stärker geworden. Der ursprüngliche Ort lebt weiter in Ritualen wie der Maifrauenversteigerung. Das Alte, das in den gleich aussehenden Straßen von Neu-Etzweiler, wo sich ein modernes Haus an das andere reiht, nirgendwo zu finden ist – im Jugendkeller zwischen den jungen Männern lebt es weiter.

Als hätte die Emanzipation nie stattgefunden, werden hier rund 50 Frauen zwischen anderen "Produkten" – einem Messingzapfhahn, zwei Flaschen Kräuterschnaps – versteigert. Eine Präsentation zeigt Fotos und Auszüge aus den Facebook-Profilen der Frauen. Bei jeder ist das Geburtsjahr aufgelistet und der Beziehungsstatus.

Nino hat gerade den Zuschlag bekommen, bei 103 Euro ist Schluss. Camilla* gehört jetzt ihm. Das heißt, er hat das Recht, sie zu fragen, ob sie ihn beim Festumzug durch den Ort und zum Maiball begleitet, wie die Maijungen es etwas freundlicher ausdrücken. Er hofft, dass sie  zusagen wird, denn er hat Interesse an ihr.