Schwule sind untreu, leiden häufiger unter "sexuellen Süchten und sexueller Nötigung" als Heterosexuelle und sind öfter psychisch und physisch krank; lesbische Frauen leiden unter "Beziehungsverwundung" und "Identitätsunsicherheit" – das behauptet zumindest die Kinderärztin Christl Ruth Vonholdt.

Sie ist Referentin auf dem "Sexualethik und Seelsorge"-Kongress des Weißen Kreuz e.V., der gerade in Kassel stattfindet. Der Fachverband für Sexualethik und Seelsorge will helfen, will sexualethische Werte vermitteln, die "auf das biblische Menschenbild begründet sind" und bietet bundesweit Beratung in unterschiedlichsten Problem- und Krisensituationen im Bereich Beziehung und Sexualität.

Seit Jahren wird dem Verein vorgeworfen, auch Homosexualität als ein solches Problem zu betrachten. Vor dem Kongress formierte sich Widerstand. Der lesben- und schwulenpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Hessischen Landtag wirft den Veranstaltern vor, Referenten ein Forum zu bieten, "die seit Jahren mit Aussagen zur angeblichen Heilbarkeit von Homosexualität Schlagzeilen machen".

Tatsächlich gibt es noch immer Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, die Homosexualität für eine Krankheit halten und mit fragwürdigen Verfahren versuchen, Patientinnen und Patienten davon zu "heilen", das hatten erst kürzlich Recherchen des NDR ergeben. 

Die Ärztin Vonholdt tut das zweifelsfrei auch: Sie ist Leiterin des Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft (DIJG) im hessischen Reichelsheim, einer Art Forschungszentrum des Vereins Offensive Junger Christen (OJC). In einer Vielzahl von Publikationen beschreibt sie Homosexualität als Symptom einer tief liegenden Störung. Im Interview mit dem katholischen neurechten Internetportal kath.net erklärt sie: "Die Veränderung homosexueller Neigungen ist möglich, wenn Motivation, Ausdauer, Mut und einfühlsame Therapeuten vorhanden sind." Ansehen genießt Vonholdt hauptsächlich dort, wo man ihr ohnehin weltanschaulich nahesteht – unter radikalen Katholiken und fundamentalistischen Evangelikalen – jenseits dieses Spektrums steht sie in der Kritik.

Heilungserfolge angeblich wissenschaftlich belegt

Ähnlich ist es bei dem Referenten Markus Hoffmann vom Wüstenstrom e.V. Dem Verein wird vorgeworfen, Konversionstherapien, also Umpolungsseminare durchzuführen und damit die Gesundheit und psychische Stabilität des Ratsuchenden zu gefährden.  Der Verein selbst spricht von "Begleitung" von Homosexuellen und schreibt dazu auf seiner Homepage: "Wir halten aber auch auf der Grundlage unserer langjährigen Erfahrung an der Beobachtung fest, dass Menschen mit gleichgeschlechtlicher Neigung durch eine Bearbeitung ihrer intrapsychischen Motivation, die sie im Erleben ihrer Sexualität inszenieren, eine Veränderung ihrer sexuellen Orientierung erleben" – vom Schwulen zum ganz normalen Hetero-Ehemann, das geht, sagt Wüstenstrom also und das sei "wissenschaftlich immer wieder belegt" worden.

Aber um Homosexualität ginge es ja gar nicht bei dem Kongress in Kassel, versichert Nikolaus Franke, Sprecher des Weißen Kreuzes. Das seien nur "Projektionen" einer bestimmten Szene. Ein Blick ins Programm gibt ihm auf den ersten Blick recht. Hier steht nichts von Homosexualität, nichts von Heilung. Hoffmann bietet das Seminar Reise zum Mann sein an und spricht an anderer Stelle über "Sexuelle Identitätsstörungen in der Beratung" und "Behandlungskonzepte". Vonholdts Seminar heißt Als Menschenkinder in der Identität wachsen. Zwischen den anderen Veranstaltungen fallen sie kaum auf. Hier wird die Anwendung eines "biblischen Kompass zur Sexualethik" eingeübt, er soll Entscheidungshilfe sein, wenn es um Sex ohne Ehe, Lebensgemeinschaften oder Pornografie geht. Die biblische Familienaufstellung soll helfen, Probleme zu lösen, und die Frauenärztin und Buchautorin Ute Buth erklärt auf dem Kongress, was "ganz Frau sein" bedeutet.